À la une · 21.08.2025 07:44
Strasbourg als Labor der linken Einheit – Die Ökologisten treiben die französische Linke Richtung 2027
Strasbourg war in dieser Woche nicht nur Sitz des Europäischen Parlaments, sondern auch Bühne für einen politischen Probelauf der französischen Linken. Mit ihrer Sommeruniversität haben die Écologistes (Grüne) die elsässische Hauptstadt zum Treffpunkt jener...
Strasbourg war in dieser Woche nicht nur Sitz des Europäischen Parlaments, sondern auch Bühne für einen politischen Probelauf der französischen Linken. Mit ihrer Sommeruniversität haben die Écologistes (Grüne) die elsässische Hauptstadt zum Treffpunkt jener Parteien gemacht, die sich ein gemeinsames Projekt und eine gemeinsame Präsidentschaftskandidatur für 2027 zum Ziel gesetzt haben. Die Grünen-Chefin Marine Tondelier betonte unmissverständlich: „An der Einheit für 2027 werde ich unbedingt festhalten.“
Die Ausgangslage ist klar: Angesichts einer erstarkten Rechten und der Aussicht auf eine Kandidatur von Marine Le Pen oder Jordan Bardella bleibt der Linken nur der Weg über eine geschlossene Front. Doch die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Frage, wer überhaupt mit am Tisch sitzen soll.
Eine Bühne der Einheit – mit Lücken
In Strasbourg traten Sozialisten, Kommunisten, Vertreter von Place publique und Delegationen der radikalen Linken gemeinsam auf. Selbst die traditionsreiche, aber in den letzten Jahren marginalisierte Kommunistische Partei Frankreichs war vertreten. Das Treffen knüpfte an die Initiative von Lucie Castets an, die im Juli zu einem gemeinsamen Projekt aufgerufen hatte. Der Zeitplan ist ambitioniert: Ende 2025 sollen Modalitäten feststehen, zwischen Mai und Oktober 2026 ist die Auswahl des oder der Kandidaten:in vorgesehen.
Doch die beiden wohl bekanntesten Figuren der Linken blieben dem Treffen fern: Jean-Luc Mélenchon, der seine Unabhängigkeit wahrt und am Freitag bei der Sommeruniversität seiner Partei „France insoumise“ in Châteauneuf-sur-Isère den Startschuss für seine vierte Präsidentschaftskampagne geben will, sowie Raphaël Glucksmann, der im Frühjahr mit seiner Liste bei den Europawahlen einen Achtungserfolg erzielt hatte. Beide wollen sich (noch) nicht in den Dienst eines kollektiven Projekts stellen. Tondelier indes warnt mit Dringlichkeit: „Unsere Richtschnur muss der Antifaschismus sein. Wenn Frankreich fällt, wankt Europa.“
Programmatische Arbeit und alte Rivalitäten
Seit Juli arbeiten Arbeitsgruppen an einem gemeinsamen Programm. Anders als bei früheren Anläufen – man denke an das Linksbündnis „Nupes“ im Jahr 2022 – soll nicht nur ein Wahlbündnis entstehen, sondern ein kohärenter politischer Entwurf. Die Grünen betonen dabei, nicht bloß Vermittler zu sein, sondern mit einer eigenen starken Kandidatur in die geplante Vorwahl zu gehen.
Doch die Risse sind nicht zu übersehen. Zwischen Sozialisten und „Insoumis“ herrscht seit Monaten Misstrauen, verschärft durch die Entscheidung der PS, das Kabinett Bayrou bei der Haushaltsabstimmung 2025 nicht stürzen zu wollen. Lokale Spannungen drohen zusätzlich, denn in den Kommunalwahlen 2026 werden vielerorts die Listen neu gemischt – in manchen Städten arbeiten Grüne und Sozialisten eng zusammen, in anderen stehen sie sich als Konkurrenten gegenüber. Die nächste Etappe der innerlinken Annäherung, die Sommeruniversität der PS in Blois, wird ohne die „Insoumis“ stattfinden.
Mélenchon als Gegenpol
Die Parallelveranstaltung von Mélenchons Partei LFI unterstreicht, wie brüchig das Einigungsprojekt ist. Der 73-Jährige, der sich trotz dreier erfolgloser Präsidentschaftskandidaturen als unersetzlich sieht, verfolgt einen eigenen Kurs. Seine Basis mobilisiert er mit dem Versprechen, den Kampf gegen die Regierung Bayrou und die extreme Rechte mit einer „klaren linken Stimme“ zu führen. Damit stellt er sich quer zu Tondeliers Strategie, die den Vorrang einer kollektiven Kandidatur betont. Die Frage, ob Mélenchon bereit wäre, in einer Vorwahl gegen andere linke Kandidaten anzutreten – und im Falle einer Niederlage deren Kandidatur loyal zu unterstützen –, bleibt unbeantwortet.
Einheit als Notwendigkeit – und als Risiko
Die Szenen von Strasbourg verdeutlichen sowohl die Notwendigkeit als auch die Schwierigkeiten einer linken Sammlungsbewegung in Frankreich. Seit dem historischen Scheitern von Lionel Jospins „Gauche plurielle“ 2002 und den tiefen Spaltungen der letzten Jahre ist es keiner linken Formation gelungen, dauerhaft über die eigenen Anhänger hinaus Wähler zu mobilisieren. Gleichzeitig zeigt die Präsidentschaftswahl 2022, wie schnell eine gespaltene Linke gegen eine geschlossene Rechte verliert.
Die Herausforderung besteht darin, das Misstrauen zwischen den Lagern zu überwinden, ohne die programmatische Substanz zu verwässern. Sozialisten und Ökologisten wollen Regierungsfähigkeit demonstrieren, Mélenchon dagegen setzt auf Konfrontation und gesellschaftliche Polarisierung. Ein glaubwürdiger Kompromiss könnte nur gelingen, wenn alle Akteure bereit sind, eigene Ambitionen hinter das größere Ziel einer Regierungsübernahme zu stellen.
Die Sommeruniversität in Strasbourg markiert daher einen symbolischen Schritt: Sie zeigt, dass eine neue Koalition jenseits von Eitelkeiten und ideologischen Gräben zumindest versucht wird. Ob daraus mehr wird als ein wohlmeinendes Signal, entscheidet sich spätestens 2026, wenn die Linke ihre Kandidaten bestimmt. Dann wird sich erweisen, ob der Appell von Marine Tondelier zu „Einheit um jeden Preis“ die Kraft hat, eine zersplitterte Bewegung in eine tragfähige politische Alternative zu verwandeln.
Autor: P. Tiko