Aktuell · 07.07.2026 21:25
Studie: Jede zweite Wohnung in Frankreich trotz gutem DPE überhitzungsgefährdet
Analyse von fast neun Millionen Energieausweisen zeigt gravierende Sommerdefizite: Fehlender Sonnenschutz, dichte Stadtlagen und reine Winteroptimierung machen selbst effiziente Neubauten zu „Bouilloires thermiques“.
Paris – 07.07.2026: Eine groß angelegte Auswertung von Energieausweisen (DPE) weist auf ein massives Sommerproblem im französischen Wohnungsbestand hin. Demnach ist rund die Hälfte der Wohnungen im Falle von Hitzeperioden deutlich überhitzungsgefährdet – und das teilweise trotz guter Effizienzklassen. Die Untersuchung stützt sich auf knapp neun Millionen DPE-Einträge und wurde von Gebäudetechnik- und Ingenieursbüros auf Basis offizieller Registerdaten erstellt.
Zentrale Befunde betreffen fehlenden äußeren Sonnenschutz, eine auf den Winter fokussierte Sanierungslogik sowie Planungsfehler bei Fensterorientierung und natürlicher Durchlüftung. Selbst Einheiten mit den Noten A oder B verfehlen häufig die im DPE vorgesehene Kennziffer für sommerlichen Komfort. Besonders problematisch ist die Situation in dicht bebauten Stadtquartieren, in denen Wärmeinseln die nächtliche Abkühlung verhindern und Innenräume über Tage aufgeheizt bleiben.
Die seit 2022 geltende Bauvorschrift RE2020 enthält mit den Degrés-Heures zwar einen Grenzwert für Überhitzung, doch die Studie deutet darauf hin, dass Vorgaben teils nicht konsequent angewandt werden oder im Bestand nur begrenzt greifen. Praktische Folgen reichen von Schlafstörungen und Leistungseinbußen bis zu Gesundheitsrisiken für ältere Menschen und Vorerkrankte. Ökonomisch drohen steigende Kosten: Mehr Haushalte könnten auf Klimageräte setzen, was den Strombedarf an Hitzetagen erhöht und die Netzspitzen verstärkt.
Fachleute empfehlen kurzfristig außenliegenden Sonnenschutz wie Rollläden, Raffstores oder Markisen, die Nutzung kontrollierter Nachtlüftung sowie eine Querlüftung über gegenüberliegende Öffnungen. Mittelfristig erhöhen speicherfähige Materialien und Begrünung von Fassaden oder Höfen die thermische Trägheit. Langfristig stehen Planungsstandards, Weiterbildung von Architekten und Handwerkern sowie Förderprogramme für Verschattung und natürliche Kühlung im Fokus. Für Mieter und Käufer gilt: Bei Besichtigungen auf Ausrichtung, Verschattungsmöglichkeiten, Fensterflächen und den im DPE ausgewiesenen Sommerindikator achten.
Politisch werden stärkere Informationspflichten bei Inseraten, Zuschüsse für Sonnenschutz und ein strengeres Monitoring der RE2020 diskutiert. Kommunen verweisen auf städtebauliche Hebel: mehr Bäume, helle Beläge und kühlende Freiräume, um die Wärmeinseln in Innenstädten zu reduzieren. Verbraucherschützer raten betroffenen Haushalten, lokale Beratungsangebote und Präfekturhinweise zu nutzen, um kurzfristige Maßnahmen zu prüfen und Förderungen zu beantragen.
Die Debatte ist aktuell, da Bau- und Energieakteure mit Behörden an Handlungsempfehlungen arbeiten. Ziel ist, Sanierungen und Neubauten so auszurichten, dass sie sowohl im Winter effizient als auch im Sommer widerstandsfähig sind – und damit die Zahl der „Bouilloires thermiques“ spürbar sinkt.
Quellen
- Franceinfo
- IGNES/Pouget Consultants
- Effy Magazin
- Europe 1
- Le Monde