Frankreich · 27.05.2026 07:17
Unter dem Schutz der „Bonne Mère“: Marseilles Motorradfahrer pilgern zur Basilika
In Marseille dröhnen Motoren nicht immer gegen die Stille an. Manchmal suchen sie genau dort Zuflucht, wo die Stadt seit Jahrhunderten Trost, Hoffnung und Schutz verortet: hoch oben bei Notre-Dame de la Garde, der...
In Marseille dröhnen Motoren nicht immer gegen die Stille an. Manchmal suchen sie genau dort Zuflucht, wo die Stadt seit Jahrhunderten Trost, Hoffnung und Schutz verortet: hoch oben bei Notre-Dame de la Garde, der berühmten „Bonne Mère“. Am Montag, dem 25. Mai 2026, rollten erneut mehrere hundert Motorradfahrer die Serpentinen hinauf zur Basilika, um an der traditionellen Motorradsegnung teilzunehmen — einer Veranstaltung, die längst zum volkstümlichen Kalender der Mittelmeermetropole gehört.
Schon früh am Morgen sammelten sich die Maschinen auf den Straßen der Stadt. Chrom glänzt in der Sonne, Lederjacken knistern im Wind, Helme hängen locker am Lenker. Dann setzt sich der Konvoi langsam in Bewegung. Wer das zum ersten Mal erlebt, fühlt sich fast wie in einem Film: schwere Motorräder, das tiefe Brummen der Motoren und darüber die goldene Statue der Jungfrau Maria, die über Marseille wacht.
Gerade dieser Kontrast macht den Reiz der Veranstaltung aus. Auf der einen Seite die Welt der Geschwindigkeit, des Asphalts und der Mechanik. Auf der anderen Seite ein religiöser Ort, der seit Generationen als Symbol des Schutzes gilt. Doch in Marseille wirken solche Gegensätze selten künstlich. Die Stadt lebt von ihren Mischungen, von ihren Brüchen und ihrem eigenwilligen Charme. Hier bleibt das Heilige nicht hinter Kirchenmauern verborgen. Es mischt sich unter die Menschen — zu Fischern, Hafenarbeitern, Fußballfans und eben auch zu Motorradfahrern.
Die diesjährige Segnung knüpft an eine lange Tradition an. Der Moto Club Massilia verweist auf das Jahr 1952, als Jean Tavan die Zeremonie ins Leben gerufen haben soll. Seit 2023 organisiert der Club die Veranstaltung offiziell am Pfingstmontag. Jahr für Jahr wächst der Andrang. Rund 400 Biker nahmen bereits 2024 an dem Korso teil. Manche kommen allein, andere in Gruppen, viele mit Familienmitgliedern im Schlepptau. Ein bisschen Volksfest, ein bisschen Wallfahrt — typisch Marseille eben.
Dabei glaubt kaum jemand ernsthaft, eine Segnung könne die Gefahren der Straße verschwinden lassen. Motorradfahrer kennen das Risiko besser als viele andere. Die Zeremonie ersetzt weder Vorsicht noch Schutzkleidung oder vernünftiges Verhalten im Verkehr. Und trotzdem besitzt dieser Moment für viele eine besondere Kraft. Für ein paar Stunden zählt nicht die Geschwindigkeit, sondern das Gemeinschaftsgefühl.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieser Tradition. In einer Stadt, die oft mit sozialen Spannungen, Gewalt oder politischen Konflikten Schlagzeilen macht, entsteht hier plötzlich ein Bild überraschender Ruhe: Hunderte Motorradfahrer versammeln sich nicht zur Demonstration von Stärke, sondern um Schutz zu erbitten. Selbst die lautesten Maschinen scheinen unter der „Bonne Mère“ für einen Augenblick leiser zu werden.
Von Daniel Ivers