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Aktuell · 15.07.2026 06:00

Valérie Dréville macht in Avignon Erinnerung zur Bühne

Im Festival von Avignon verdichtet Valérie Dréville Camille de Toledos Roman "Thésée, sa vie nouvelle" zu einem eindringlichen Solo über Trauer, Familienarchive und die Gespenster der europäischen Geschichte.

Vedène – 14.07.2026: Es beginnt mit einem Menschen, der der Erinnerung entfliehen will, und endet in einem Raum, in dem sie sich nicht mehr zum Schweigen bringen lässt. Valérie Dréville steht beim Festival von Avignon allein auf der Bühne der L'Autre Scène du Grand Avignon und trägt doch eine ganze Familie, ein Jahrhundert und dessen Verletzungen mit sich. Ihr Solo "Thésée, sa vie nouvelle" ist eine dichte theatrale Erkundung von Verlust und Überlieferung.

Die Vorlage stammt von dem französischen Schriftsteller Camille de Toledo. Sein Roman folgt einem Thésée genannten Mann, der nach dem Suizid seines Bruders und dem Tod seiner Eltern drei Kisten voller Archive mit sich nimmt. Er sucht einen Ort ohne Vergangenheit. Doch die Dokumente, Fotografien und Stimmen der Vorfahren öffnen, kaum berührt, Fenster in eine Geschichte, die privat beginnt und bis in die politischen Katastrophen Europas reicht.

Dréville hat den Stoff gemeinsam mit dem belgischen Regisseur Guy Cassiers adaptiert und inszeniert. Cassiers ist für eine Bildsprache bekannt, in der Video, Klang und Schauspiel nicht dekorativ nebeneinanderstehen, sondern ein nervöses Gedächtnis bilden. Auf der Bühne wird die Schauspielerin von Archivmaterial und Projektionen umgeben. Das Familienalbum erscheint nicht als beruhigendes Erinnerungsstück, sondern als Labyrinth: Jede Aufnahme verspricht Herkunft und stellt sie zugleich infrage.

Die Form des Abends ist ein polyphones Solo. Dréville wechselt nicht bloß zwischen Figuren; sie macht die vielen Stimmen des Romans hörbar, ohne sie zu glätten. Gedichte, Berichte und fotografische Spuren verbinden sich zu einer Erzählung über jüdische Familiengeschichte, Trauer und die Weitergabe von Erfahrungen. Gerade die Frage, was von Gewalt und Verlust in Körpern, Gesten und Schweigen fortlebt, gibt der Inszenierung ihre leise Wucht.

Der Titel ruft den mythischen Theseus auf, den Mann im Labyrinth. Doch Cassiers und Dréville interessieren sich weniger für heroische Auswege als für die Zumutung des Zurückschauens. Thésée kann seine Vergangenheit nicht hinter sich lassen, weil sie sich in seine Gegenwart eingeschrieben hat. Das ist ein alter Gedanke und, angesichts der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, keiner, der an Dringlichkeit verloren hätte.

Für Dréville bedeutet der Abend zugleich eine weitere wichtige Station in ihrer langen Verbindung mit Avignon. Die Schauspielerin, die mit Antoine Vitez, Claude Régy und Anatoli Wassiljew gearbeitet hat, bringt eine besondere Präzision für Texte mit, die sich gegen bequeme Eindeutigkeit sperren. "Thésée, sa vie nouvelle" ist bis zum 24. Juli in Vedène zu sehen – ein Theaterabend, der seine Zuschauer nicht mit Antworten entlässt, aber mit Bildern, die nachhallen.

Quellen

  • Festival d'Avignon
  • Télérama

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