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Alle Artikel · 17.11.2025 08:29

Verregnet und verzaubert: Wie der Regen die Kunst erobert

Der Regen – oft lästig, manchmal melancholisch, aber immer inspirierend. Das Musée d’Art de Nantes widmet dem nassen Naturphänomen eine poetische und tiefgründige Ausstellung: „Sous la pluie – peindre, vivre et rêver“. Noch bis...

Der Regen – oft lästig, manchmal melancholisch, aber immer inspirierend. Das Musée d’Art de Nantes widmet dem nassen Naturphänomen eine poetische und tiefgründige Ausstellung: „Sous la pluie – peindre, vivre et rêver“. Noch bis zum 1. März 2026 können Besucher hier entdecken, wie stark der Regen seit fast zwei Jahrhunderten die Fantasie von Künstlern beflügelt hat – von der Romantik bis zur zeitgenössischen Kunst.

Mehr als 150 Werke erzählen in Nantes die Geschichte einer Obsession: Die der Kunst mit der Nässe. Dabei geht es nicht bloß um das meteorologische Ereignis an sich, sondern um dessen Wirkung auf unsere Sinne, unsere Wahrnehmung, unsere Stimmung. „Die Regenbilder in der Ausstellung zeigen, wie Landschaften sich verwandeln, wie Emotionen aufgewühlt werden, wenn wir dem Regen begegnen“, sagt Kuratorin Marie-Anne du Boullay. „La pluie éveille nos sens – der Regen weckt unsere Sinne.“

Und tatsächlich: Wer sich durch die lichtgedämpften Räume der Ausstellung bewegt, spürt förmlich das Prasseln, das Rieseln, das Fließen der Tropfen auf Papier, Leinwand, Fotografie und sogar im Film. Von der zarten Aquarelllinie bis zur tiefschwarzen Radierung – Regen wurde hier nicht nur dargestellt, sondern sinnlich erfahrbar gemacht.

Schon im 19. Jahrhundert ließen sich große Namen der Kunstgeschichte von Regen inspirieren: Gustave Courbets „Trombe marine“, ein dramatisches Meeresgewitter, bringt die rohe Kraft des Himmels auf die Leinwand. William Turner fängt in einer zarten Aquarellskizze den Pirmil-Brückenblick in Nantes ein – unter grauem Regenvorhang. Camille Pissarro zeigt in „Quai de la Bourse, Rouen, Pluie“ den Alltag im Normandie-Regen. Und Gustave Caillebottes berühmte „Rue de Paris, temps de pluie“ – das Original hängt in Chicago – wird in Form einer Skizze gezeigt. Ein Paar im Sonntagsstaat unter einem Regenschirm, eine Szene zwischen Bürgerlichkeit und Impression.

Besonders spannend ist Caillebottes Blick auf die Stadt: Nicht der Regen selbst steht im Vordergrund, sondern sein Spiel mit dem modernisierten Paris. Pflastersteine, Asphalt, Laternen – alles glänzt, spiegelt, irisierend, flüchtig. Der Regenschirm wird zum sozialen Symbol, der bürgerliche Spaziergang zur Bühne für Reflexionen – im doppelten Sinne.

Der Rundgang führt weiter durch das 20. Jahrhundert, wo Künstler wie David Hockney den Regen entmystifizieren, geometrisieren, neu denken. Seine Lithographie „Rain“ von 1973: ein blauer Block auf weißem Grund, darüber weiße Striche und Kreise – Tropfen, die fallen, auftreffen, Kreise ziehen. Fast schon meditativ wirkt dieses Werk, das aus simplen Formen eine eigene Regenlogik entwickelt. Die Tropfen sind hier keine Störung, sondern ein Muster – wie ein visuelles Mantra.

Die Ausstellung glänzt auch durch ihre Vielfalt an Medien: Neben Malerei und Zeichnung finden sich zahlreiche Drucke, Radierungen und Aquarelle. Besonders eindrucksvoll sind Fotografien aus den 1930er Jahren von Brassaï und André Kertész – beide Meister darin, flüchtige Momente mit feinem Gespür festzuhalten. Straßen, Spiegelungen, nasse Pflaster – ihre Bilder machen den Regen fast greifbar.

Auch das Kino kommt nicht zu kurz. Regen als Stimmungsmacher, dramatischer Effekt, Symbol – unzählige Filmszenen belegen die Inszenierungskraft des Wetters. Dazu gibt es Toninstallationen, die Regenrauschen ins Museum bringen – eine akustische Umarmung für alle Sinne.

Was bleibt nach diesem künstlerischen Spaziergang im Regen? Vielleicht die Erkenntnis, dass Regen mehr als nur ein Wetterphänomen ist. Er ist ein Gefühl. Eine Einladung zum Innehalten. Ein Schleier zwischen uns und der Welt – durch den wir manchmal klarer sehen.

Und vielleicht fragt man sich beim Verlassen des Museums: Wann hat mich der letzte Regen wirklich berührt?

Autor: Andreas M. Brucker

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