À la une · 20.01.2026 08:43
Vier Monate Regen in nur zwei Tagen – warum der Süden Frankreichs mitten im Januar unter Wasser steht
Der Regen fällt nicht mehr, er lastet. Schwer, beharrlich, ohne jede Pause. Seit Tagen beobachten Bewohnerinnen und Bewohner im Süden Frankreichs die Flüsse, die Pegel, die braunen Wassermassen, die sich durch Täler und Ortschaften...
Der Regen fällt nicht mehr, er lastet. Schwer, beharrlich, ohne jede Pause. Seit Tagen beobachten Bewohnerinnen und Bewohner im Süden Frankreichs die Flüsse, die Pegel, die braunen Wassermassen, die sich durch Täler und Ortschaften schieben. Man schaut aus dem Fenster, hört das Trommeln auf den Dächern, und irgendwann stellt sich diese eigentümliche Mischung aus Ungläubigkeit und Sorge ein. Januar. Hochwinter. Und doch Regenmengen, wie man sie sonst eher aus dem Herbst kennt.
In den Pyrénées-Orientales sollen die Niederschläge weiter zunehmen. Am Montag, dem 19. Januar, wurden bereits am späten Nachmittag bemerkenswerte Werte gemessen. In Bocognano auf Corse fielen 112 Millimeter innerhalb eines Tages, in Durban-Corbières im Département Aude 95 Millimeter, am Cap Béart nahe der spanischen Grenze immerhin noch 87 Millimeter. In 48 Stunden kam so stellenweise die Regenmenge von mehreren Monaten zusammen.
Das Wasser sucht sich seinen Weg. Die Böden jedoch, seit Tagen vollgesogen, nehmen nichts mehr auf. Jeder weitere Schauer läuft direkt ab, speist Bäche, Flüsse, Überschwemmungsflächen. Es ist ein klassisches Bild von Hochwasser – und zugleich ein untypisches für diese Jahreszeit. Mediterrane Starkregenereignisse treten häufig im Herbst auf, wenn das Meer noch warm ist und feuchte Luftmassen auf kühlere Höhenströmungen treffen. Im Winter gelten sie als seltener, aber keineswegs als unmöglich.
Seit 1997 wurden in dieser Region rund zwanzig vergleichbare Episoden registriert. Kein alltägliches Phänomen, aber auch kein meteorologischer Zufall. Der aktuelle Auslöser liegt weit südlich: Eine ausgeprägte Tiefdruckzone über Nordafrika hat sich mit der Mittelmeerzirkulation verbunden. Diese Konstellation sorgt dafür, dass feuchte Luftmassen nach Norden geführt werden – direkt auf die südfranzösische Küste zu.
Dort beginnt die eigentliche Dynamik. Die Winde konvergieren, treffen auf die ersten Reliefs der Pyrenäen und der Corbières. Was meteorologisch nüchtern als Staueffekt beschrieben wird, bedeutet vor Ort stundenlangen, manchmal tagelangen Regen. Die Wolken hängen fest, die Feuchtigkeit entlädt sich immer wieder über denselben Gebieten. Ein Naturmechanismus, altbekannt, aber in seiner Intensität zunehmend auffällig.
„Mehrere Faktoren greifen ineinander“, erläutert Pierre Huat, Meteorologe bei Weather Solutions. Die großräumige Instabilität über dem Mittelmeer, die gezielte Lenkung der Luftströmungen nach Frankreich, schließlich das Aufgleiten der feuchten Luft an den Gebirgen. Dann regnet es nicht einfach, es regnet fest. Und lange.
Dass sich ein solches Szenario im Januar abspielt, wirft dennoch Fragen auf. Der Winter galt lange als die ruhigere Jahreszeit für den Mittelmeerraum, zumindest was extreme Niederschläge betrifft. Doch diese Einordnung beginnt zu bröckeln. Klimaforscher weisen seit Jahren darauf hin, dass sich mit der Erwärmung der Atmosphäre auch deren Fähigkeit erhöht, Wasserdampf zu speichern. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Und was aufgenommen wurde, fällt irgendwann wieder herunter – oft schlagartig.
Der Klimawandel wirkt hier nicht als einzelner Auslöser, sondern als Verstärker. Die Wetterlage an sich ist erklärbar, bekannt, meteorologisch sauber. Doch die Mengen, die Dauer, die Wucht der Regenfälle erreichen neue Dimensionen. Das gilt für den Herbst ebenso wie für den Winter. Die Jahreszeiten verlieren ihre klaren Konturen, Übergänge werden fließender, Extreme häufiger.
Vor Ort zeigt sich das ganz praktisch. Flüsse bleiben länger hoch, Warnungen gelten über mehrere Tage, Einsatzkräfte kommen kaum zur Ruhe. Sandsäcke stapeln sich vor Haustüren, Gespräche drehen sich um Wetter-Apps, Pegelstände, die nächste Nacht. Man hört Sätze wie: „So etwas habe ich hier noch nie erlebt.“ Und meint damit nicht nur die Wassermenge, sondern den Zeitpunkt.
Dabei ist das Mittelmeer längst kein ruhiges Binnenmeer mehr, sondern ein sensibler Resonanzraum des Klimas. Seine Oberfläche erwärmt sich schneller als viele Ozeane, speichert Energie, gibt sie an die Atmosphäre ab. Trifft dann eine dynamische Wetterlage auf dieses feuchte Reservoir, entstehen jene Starkregenereignisse, die in kurzer Zeit enorme Wassermassen freisetzen.
Die aktuelle Episode fügt sich in dieses Muster ein. Kein singuläres Ereignis, sondern Teil einer Entwicklung, die Meteorologen, Hydrologen und Katastrophenschützer gleichermaßen beschäftigt. Anpassung heißt das Schlagwort, nüchtern und technisch. Für die Menschen vor Ort bedeutet es, sich an neue Normalitäten zu gewöhnen. Hochwasserwarnungen im Januar gehören dazu.
Und während der Regen weiterfällt, stellt sich eine leise, unbequeme Erkenntnis ein. Das Klima verhandelt seine Regeln neu. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern Tropfen für Tropfen. Vier Monate Regen in zwei Tagen. Mitten im Winter. Das bleibt hängen.
Autor: Andreas M. Brucker