Alle Artikel · 20.10.2025 10:45
Vom Feuer geschmiedet – und bald ausgelöscht? Die Aciéries de Bonpertuis vor dem Aus
Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht in Büchern steht, sondern in Metall gegossen ist. Apprieu, ein kleines Dorf im französischen Dauphiné, birgt einen dieser Orte: die Aciéries de Bonpertuis. Seit 1434 wird dort...
Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht in Büchern steht, sondern in Metall gegossen ist. Apprieu, ein kleines Dorf im französischen Dauphiné, birgt einen dieser Orte: die Aciéries de Bonpertuis. Seit 1434 wird dort Stahl verarbeitet – mehr als 590 Jahre Handwerk, Innovation und industrielle Identität. Doch am 21. Oktober könnte alles vorbei sein.
Die traditionsreiche Schmiede steht unter Druck. Seit dem 2. September 2025 läuft das offizielle Insolvenzverfahren – nun droht die endgültige Liquidation. Sollte das Gericht diesen Schritt gehen, endet eine der ältesten industriellen Geschichten Europas.
Ein Schatz mit Schmiedefeuer
Eine Anekdote erzählt, dass der erste Schmied von Bonpertuis mitten im Hundertjährigen Krieg mit Amboss und Blasebalg in den Wäldern der Isère begann. Ob Mythos oder Wahrheit – belegt ist: Schon 1434 existierte hier eine metallverarbeitende Werkstatt. Später wurde daraus ein Hochofenbetrieb, dann eine moderne Spezialstahlfabrik.
Heute ist das Werk Teil des FORLAM-Konzerns. In Apprieu und in dem zweiten Standort in Domène arbeiten rund 70 Menschen. Ihre Expertise? Hochwertige, lamino-étirierte Stahlprofile – also gezielt geformte und kaltbearbeitete Halbzeuge, die vor allem in der internationalen Messerschmiede, aber auch in der Industrie gefragt sind. Ein Spezialprodukt mit globalem Absatz: Über 70 % gehen ins Ausland, in mehr als 50 Länder.
Doch jetzt droht das Ende.
Ein schwerer Brocken für die Region
Für die Gemeinde Apprieu wäre das Aus ein herber Schlag. Nicht nur wirtschaftlich – die Aciérie ist ein Anker. Familien leben seit Generationen vom Stahl, Kinder haben dort ihre Ferienjobs gemacht, Hochzeiten wurden auf dem Gelände gefeiert. Jetzt steht alles still.
„Wenn ich sehe, was aus dieser Firma von 1434 geworden ist … das tut weh“, sagt ein Arbeiter. Die Belegschaft wirkt wie eingefroren, starr zwischen Warten und Hoffnung.
Im Jahr 2021 lag der Umsatz noch bei rund 19,6 Millionen Euro – aber das reichte nicht. Fast eine Million Euro Verlust wurde eingefahren. Die Muttergesellschaft FORLAM selbst steckt ebenfalls im finanziellen Sumpf. Ein Rettungsplan? Fehlanzeige – bislang.
Was macht Bonpertuis so besonders?
Da ist zunächst der historische Wert. Die Gebäude – darunter Teile der ursprünglichen Forges de Bonpertuis – sind als Monument historique klassifiziert. Man kann hier Metallgeschichte atmen, riechen, hören.
Dann ist da das technologische Know-how. Nicht jede Stahlbude kann Titan oder rostfreien Chromstahl auf Präzisionsmaß walzen, schon gar nicht in kundenspezifischen Geometrien. Hier geht es um hundertstel Millimeter und kontrollierte Mikroschliffe.
Und schließlich: die Symbolkraft. Frankreich, ein Land mit einst gigantischer Industrie, verliert einen weiteren Pfeiler seiner Vergangenheit. Die Stahlschmiede ist nicht einfach ein Unternehmen. Sie ist ein Zeitzeuge.
Aber warum ist es so weit gekommen?
Das Problem beginnt beim Markt: Die globale Stahlbranche ist knallhart. Preise schwanken, Energiekosten steigen, Umweltauflagen nehmen zu. Vor allem kleine Player geraten da schnell unter die Räder.
Dazu kommt die extreme Spezialisierung. Ein Vorteil in guten Zeiten – ein Risiko, wenn die Nachfrage stockt. Wenn ein oder zwei Großkunden abspringen, bricht das Fundament weg.
Und nicht zuletzt: die Infrastruktur. Alte Hallen, Denkmalschutz, schwer modernisierbare Anlagen – das kann Investoren abschrecken.
Was müsste passieren, damit Bonpertuis überlebt?
Die Hoffnung liegt auf einem weißen Ritter: einem Investor mit Weitblick, der erkennt, was hier schlummert. Ein Käufer, der nicht nur saniert, sondern transformiert – technologisch wie strategisch.
Denkbar wäre eine Neuausrichtung auf noch wertigere Nischen: medizinische Legierungen, Komponenten für die Luftfahrt oder Wasserstofftechnik. Denkbar wäre auch ein hybrides Modell, bei dem die industrielle Fertigung mit musealem oder bildungstechnischem Angebot verbunden wird – ein Ort, an dem Geschichte produziert und zugleich erzählt wird.
Aber: Das erfordert Mut. Und Geld.
Und was machen Politik und Gesellschaft?
Bislang ist es still. Die Region drückt die Daumen, doch konkrete Maßnahmen fehlen. Es braucht mehr als gute Wünsche: Garantien, Zuschüsse, eine industriepolitische Vision. Sonst bleibt am Ende nur ein leerer Hallenkomplex – und ein Denkmal für das, was hätte sein können.
Was zählt mehr: Geschichte oder Gegenwart?
Diese Frage steht unausgesprochen im Raum. Es ist leicht, sich an Jubiläen und Traditionen zu erfreuen. Doch wahre Wertschätzung zeigt sich im Moment der Krise. Wenn eine Industrie, die fast 600 Jahre überlebt hat, nun an Bürokratie, Kapitalmangel und Marktversagen scheitert – dann stimmt etwas nicht.
Warum fällt es uns so schwer, industrielle Identität als Teil unseres Erbes zu begreifen?
Es bleibt ein Funken Hoffnung.
Noch ist nichts endgültig entschieden. Vielleicht geschieht ein Wunder. Vielleicht erkennt jemand den Schatz, der da im Schatten der Alpen schlummert. Vielleicht findet sich eine Hand, die das Feuer von Bonpertuis neu entfacht.
Aber wenn nicht – dann ist es mehr als ein Betrieb, der stirbt. Dann geht ein Kapitel zu Ende, das kein zweites Mal geschrieben wird.
Autor: C.H.