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Nach dem Debakel bei den Europawahlen distanzieren sich viele Renaissance-Kandidaten auf ihren Wahlplakaten von Staatschef Emmanuel Macron. Einige gehen sogar so weit, dass sie weder sein Bild noch ihre Parteizugehörigkeit erwähnen.

Ein herausfordernder Wahlkampf

Auf einem Markt in der Île-de-France, während einer Pressekonferenz von Macron, sagt ein Renaissance-Abgeordneter: „Ich höre nicht auf den Präsidenten, ich bin im Wahlkampf.“ Dieser Satz, der normalerweise aus dem Mund eines Oppositionskandidaten zu erwarten wäre, spiegelt die aktuelle Stimmung innerhalb der Partei wider. Die Auflösung der Nationalversammlung, verkündet von Macron als Reaktion auf die Europawahlergebnisse, hinterlässt tiefe Spuren im Lager des Präsidenten.

Schwierige Aussichten

169 Renaissance-Abgeordnete wissen, dass ihre Wiederwahlchancen gering sind. Angesichts des starken Abschneidens eines rechtsextremen Blocks bei den Europawahlen – fast 40 % – bereiten sich einige Macron-Anhänger darauf vor, in ihren Wahlkreisen „zur Schlachtbank“ geführt zu werden. Ein Parteikader beschreibt Macron als „Abschreckung“ und spricht von einem doppelten Vertrauensbruch: erstens gegenüber dem Präsidenten durch die Wähler und zweitens durch Macron gegenüber den treuen Abgeordneten, die hart gearbeitet hätten, aber dennoch jetzt die Schuld für die Wahlniederlage bei den Europawahlen tragen müssten.

Ganz anders sieht es bei den Kandidaten des Rassemblement National aus. Diese präsentieren stolz die Fotos von Jordan Bardella und Marine Le Pen. Während Renaissance-Kandidaten 2022 und 2017 noch gerne neben Macron auftraten, ist es diesmal schwer, eine Erwähnung des Präsidenten auf ihren Plakaten zu finden. Ein Ministerberater berichtet, dass Macron selbst erkennen musste, dass seine Präsenz in diesem Wahlkampf möglicherweise kontraproduktiv sei.

Flexible Strategien

„Es ist nicht unbedingt nötig, den Präsidenten in den Vordergrund zu stellen“, meint Benoît Bordat, Abgeordneter aus dem Departement Côte-d’Or. Er setzt auf seinen eigenen Namen und bezeichnet sich als „Kandidat der demokratisch-republikanischen und progressiven Kräfte“. Olga Givernet, Abgeordnete aus dem Ain, präsentiert sich allein auf ihrem Wahlplakat. Sie betont, dass man andere Repräsentanten finden müsse, da Macron am Ende seiner Amtszeit stehe.

Eine Wahlkampagne im Wandel

Trotzdem hat Macron noch drei Jahre im Amt, auch wenn die Abnutzung des Präsidentenamtes spürbar ist. Damien Adam, Abgeordneter aus der Seine-Maritime, relativiert dies: „Nach sieben Jahren Amtszeit ist das normal.“ Angesichts der Oppositionsversprechen ohne konkrete Finanzierung sei es schwierig, die Regierungsarbeit überzeugend darzustellen. Adam hat Macron bereits 2022 nicht auf seinen Plakaten gezeigt – für ihn also keine Änderung.

Macrons Entscheidung für eine besonders kurze Wahlkampfphase zwingt viele Kandidaten dazu, ihre Fotos von vor zwei Jahren wiederzuverwenden. Die Ergebnisse der Europawahlen erfordern jedoch neue Taktiken. „Man passt die Strategie an die lokalen Gegebenheiten an“, erklärt Marc Ferracci, Abgeordneter der im. Ausland lebenden Franzosen. Ferracci, ein enger Vertrauter Macrons, hat noch nicht entschieden, ob er Macrons Foto verwendet. Er betont, dass dies kein Zeichen der Missachtung sei, sondern dem veränderten Kontext geschuldet.

Der neue Favorit: Gabriel Attal

Bisher hat nur Paul Midy aus der Essonne sowohl den Präsidenten als auch den Premierminister auf seinem Plakat gezeigt. Midy betont die Wichtigkeit, das seit sieben Jahren verfolgte Projekt weiterzuführen und erwähnt Attal, da dieser die Mehrheit und die Kampagne leite.

Viele Kandidaten setzen nun verstärkt auf Premierminister Gabriel Attal. Eric Bothorel, Abgeordneter aus den Côtes-d’Armor, erklärt, dass es darum gehe, ob Attal in Matignon bleibe. „Gabriel Attal ist weniger abgenutzt durch die Amtszeit als der Präsident“, fügt Bothorel hinzu. Auch Olga Givernet hat Attal zunächst auf ihrem Plakat erwähnt, jedoch wieder entfernt, um Platz zu schaffen. In späteren Kampagnenmaterialien soll er jedoch vorkommen, vielleicht sogar mit einem Foto.

Einige Kandidaten vermeiden es, junge männliche Kollegen auf ihren Plakaten zu zeigen, um nicht mit den Rassemblement-National-Plakaten verglichen zu werden. Die Gestaltung eines Wahlplakats erfordert ein feines Gespür für Gleichgewicht, um Klarheit und Vermeidung negativer Assoziationen zu gewährleisten.

Lokale Dynamik im Vordergrund

Viele Kandidaten fokussieren sich auf ihren Namen und ihre lokale Verankerung. Brigitte Liso aus dem Norden betont ihre lokale Bekanntheit und Unterstützung für Macron. Sophie Errante aus der Loire-Atlantique setzt ebenfalls auf eine lokale Kampagne.

Manche gehen sogar so weit, den Parteinamen oder Hinweise auf die „Präsidialmehrheit“ zu entfernen, wie Robin Reda aus der Essonne. Reda, ehemals Mitglied der Partei Les Republicains, erklärt: „Seit zehn Jahren habe ich nie Logos oder Persönlichkeiten auf meinen Plakaten verwendet. Meine Partei ist unser Land, und wir müssen die Franzosen von beiden Seiten vereinen.“

Die Distanzierung von Macron auf den Wahlplakaten zeigt die Anpassungsfähigkeit der Renaissance-Kandidaten an die aktuellen politischen Herausforderungen. Ob diese Strategie zum Erfolg führt, wird sich bei den bevorstehenden Wahlen zeigen.


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