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Frankreich · 12.05.2026 08:17

Wenn Cannes aus allen Nähten platzt

Wenige Stunden vor dem ersten Blitzlichtgewitter verwandelt sich Cannes bereits in einen Ort, der kaum noch etwas mit der beschaulichen Mittelmeerstadt des übrigen Jahres gemein hat. Auf der Croisette rattern Lastwagen im Minutentakt vorbei,...

Wenige Stunden vor dem ersten Blitzlichtgewitter verwandelt sich Cannes bereits in einen Ort, der kaum noch etwas mit der beschaulichen Mittelmeerstadt des übrigen Jahres gemein hat. Auf der Croisette rattern Lastwagen im Minutentakt vorbei, Techniker klettern über riesige Lichtgerüste, Sicherheitskräfte kontrollieren Zugänge mit fast militärischer Präzision, und hinter den glänzenden Fassaden der Luxushotels läuft alles nach einem Zeitplan, der keinen Fehler verzeiht. Die Stadt wirkt wie eine Bühne kurz vor der Premiere — geschniegelt, angespannt und voller elektrischer Unruhe.

Denn mit dem Beginn der Filmfestspiele verändert Cannes seine eigene Größenordnung. Rund 200.000 Besucher aus aller Welt reisen zur neuen Ausgabe des Festivals an. Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Influencer, Journalisten, Filmhändler, Agenten und wohlhabende Gäste drängen an die Côte d’Azur. Für zehn Tage scheint sich die internationale Filmwelt auf wenige Straßenzüge zwischen Palais des Festivals und Mittelmeer zu konzentrieren.

Und genau darin liegt das Paradoxe.

Cannes zählt im Alltag kaum mehr als 70.000 Einwohner. Während des Festivals verdreifacht sich die Bevölkerung beinahe schlagartig. Hotels sind seit Wochen ausgebucht, Restaurantküchen arbeiten im Ausnahmezustand, Taxifahrer schieben Extraschichten, und selbst luxuriöse Privatwohnungen erzielen Preise, bei denen selbst erfahrene Stammgäste kurz schlucken müssen. Manche Suiten kosten mehrere tausend Euro pro Nacht — verrückt, aber in Cannes während des Festivals fast schon Alltag.

Hinter dem roten Teppich steckt allerdings weit mehr als Glamour und Abendkleider.

Das Festival funktioniert wie eine gigantische Wirtschaftsmaschine. Für Hotellerie, Gastronomie, Sicherheitsdienste, Chauffeurservices oder Veranstaltungstechniker zählen diese Tage zu den lukrativsten des gesamten Jahres. Viele lokale Unternehmen erwirtschaften in dieser kurzen Zeit einen erheblichen Teil ihres Jahresumsatzes. Die Stadt lebt dann rund um die Uhr. Frühmorgens werden Terrassen aufgebaut, nachts verhandeln Produzenten noch bei Champagner über Millionenbudgets.

Besonders wichtig bleibt dabei der Filmmarkt, der parallel zum Festival stattfindet. Abseits der Kameras entstehen dort internationale Kooperationen, Finanzierungen und Verträge, die später das weltweite Kino prägen. Während draußen Fotografen um das perfekte Bild kämpfen, entscheidet sich in den Hotelsuiten oft still und unspektakulär, welche Filme in den kommenden Jahren überhaupt produziert werden.

Gleichzeitig schwebt über allem eine massive Sicherheitsarchitektur. Seit den Terroranschlägen vergangener Jahre gleicht Cannes während des Festivals einer Hochsicherheitszone. Polizeipatrouillen, private Sicherheitsdienste, Absperrungen und Videoüberwachung prägen das Stadtbild beinahe ebenso stark wie die Filmplakate. Die Organisatoren müssen gigantische Menschenmengen steuern — und zwar ohne sichtbares Chaos. Keine leichte Nummer.

Genau diese Mischung macht den Mythos Cannes aus: Kunsttempel und Medienzirkus zugleich. Hier trifft anspruchsvolles Autorenkino auf globale Selbstdarstellung, kulturelles Prestige auf knallhartes Geschäft. Manche lieben diese Welt, andere verdrehen genervt die Augen darüber. Doch jedes Jahr blickt die Branche erneut gebannt an die französische Riviera.

Für zehn Tage wird Cannes wieder zur schillernden Hauptstadt des Weltkinos — überfüllt, hochglanzpoliert und irgendwie völlig losgelöst vom normalen Leben.

Von C. Hatty

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