Alle Artikel · 27.12.2025 10:22
Wenn der Berg zuschlägt: Lawinentote erschüttern die Savoie
Der Winter zeigt in diesen Tagen sein freundlichstes Gesicht. Strahlender Himmel, frisch gefallener Schnee, perfekte Bedingungen für Skifahrer, die das Weite suchen, hinaus aus den präparierten Pisten, hinein ins scheinbar unberührte Gelände. Und doch...
Der Winter zeigt in diesen Tagen sein freundlichstes Gesicht. Strahlender Himmel, frisch gefallener Schnee, perfekte Bedingungen für Skifahrer, die das Weite suchen, hinaus aus den präparierten Pisten, hinein ins scheinbar unberührte Gelände. Und doch genügt ein einziger Moment, ein leises Knacken im Schnee, damit aus Idylle blanke Tragödie wird. In der französischen Alpenregion Savoie haben sich am Freitag, dem 26. Dezember, gleich zwei tödliche Lawinenunglücke ereignet – binnen weniger Stunden, nur wenige Täler voneinander entfernt.
Am Vormittag trifft es ein Skigebiet, das für viele Wintersportler fast so etwas wie ein zweites Wohnzimmer ist: La Plagne. Hoch oben, auf rund 2.500 Metern Höhe, an der Nordflanke der Bellecôte, einem imposanten Bergmassiv, das sich meist kühl und schattig gibt, geraten mehrere Skifahrer in eine Lawine. Sie sind im freien Gelände unterwegs, abseits der gesicherten Pisten, dort, wo der Schnee noch jungfräulich wirkt und die Spuren von gestern fehlen.
Die Lawine löst sich innerhalb von Sekunden. Eine breite Schneemasse schiebt sich talwärts, kanalisiert durch natürliche Rinnen, die der Hang vorgibt. Wer einmal erlebt hat, wie schnell sich Schnee in Bewegung setzt, weiß: Zeit bleibt keine. Die Skifahrer tragen Lawinenortungsgeräte, moderne Technik, die im Ernstfall Leben retten kann. Um 11.47 Uhr schlagen die Geräte Alarm. Ein Notruf geht ein.
Nur 23 Minuten später erreichen die Rettungskräfte den Unglücksort. Zwei Menschen liegen schwer verletzt im Schnee, zuvor von ihren Begleitern notdürftig aus den Schneemassen befreit. Es handelt sich um einen 60 Jahre alten Bergführer und eine 50-jährige Skifahrerin. Beide sind vollständig verschüttet gewesen. Die Einsatzkräfte des PGHM de la Savoie, der spezialisierten Hochgebirgsgendarmerie, übernehmen die weitere Bergung. Die Kulisse ist trügerisch ruhig, die Gefahr noch längst nicht gebannt.
Der Einsatzleiter, Kommandant Corentin Hassmann, beschreibt später die Tücke des Geländes. Eine breite Wand, durchzogen von zahlreichen Couloirs, schmalen Rinnen, in denen selbst kleine Lawinen verheerende Wirkung entfalten. Kein dramatisches Donnern, kein gigantischer Schneeblock – manchmal reicht eine begrenzte Schneemenge, wenn sie sich beschleunigt und bündelt. Das klingt nüchtern, ist aber eine bittere Lektion aus vielen Einsätzen.
Die beiden Schwerverletzten werden per Hubschrauber ins CHU de Grenoble geflogen. Die Frau überlebt, schwer gezeichnet, polytraumatisiert. Der Bergführer stirbt wenig später an seinen Verletzungen. Ein Mann, der sein Leben in den Bergen verbracht hat, dem das Gelände vertraut war, routiniert, erfahren. Solche Details machen die Sache nicht harmloser, im Gegenteil. Sie zeigen, wie wenig Raum die Natur für Überheblichkeit lässt.
Der Tag jedoch ist noch nicht vorbei.
Am Nachmittag, nur wenige Kilometer weiter südlich, in der Gemeinde Valloire, löst sich erneut eine Lawine. Diesmal trifft es einen 59 Jahre alten Skitourengeher. Allein unterwegs, wie es scheint. Auch er stirbt. Zwei Tote an einem Tag, zwei unterschiedliche Szenarien, dieselbe Ursache. Der Schnee, der trägt und gleiten lässt, wird zur tödlichen Gefahr.
In der Savoie, einer Region, die vom Wintersport lebt, sind Lawinen keine abstrakte Gefahr. Sie gehören zur alpinen Realität, werden beobachtet, gemessen, prognostiziert. Lawinenwarnstufen hängen an Liftstationen, Apps liefern stündlich Updates, Experten mahnen zur Vorsicht. Und trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. Wer oft im Gebirge unterwegs ist, gewöhnt sich an das Risiko, lernt, es auszublenden, ein bisschen zumindest. „Passt schon“, sagt man dann. Gestern passte es nicht.
Der freie Skiraum, das sogenannte Hors-piste, übt eine enorme Anziehungskraft aus. Keine Schlangen vor Liften, keine Geräusche, nur der eigene Atem und das Knirschen des Schnees. Doch außerhalb der gesicherten Bereiche trägt jeder selbst die Verantwortung. Für sich, für andere. Technik hilft, Ausbildung hilft, Erfahrung hilft. Garantien gibt es keine. Der Berg verhandelt nicht.
Die beiden Unglücke werfen einmal mehr die Frage auf, wie viel Freiheit der Wintersport verträgt und wie viel Respekt er verlangt. Gerade nach Neuschneefällen, bei wechselnden Temperaturen und instabilen Schneeschichten steigt die Gefahr. Die Nordhänge, schattig, kalt, speichern lockere Schneeschichten oft länger. Das wissen Profis. Und trotzdem passiert es.
Was bleibt, ist Betroffenheit. In La Plagne, in Valloire, in den Rettungszentralen, in den Familien der Opfer. Und eine stille Mahnung an all jene, die in den kommenden Tagen ihre Skier anschnallen. Die Berge stehen noch. Schön wie eh und je. Aber sie vergessen nichts.
Autor: Daniel Ivers