Alle Artikel · 09.12.2025 09:21
Wenn der RN das Tabu der Bordelle bricht
Mitten im gesellschaftlichen Stillstand um die legale Sexarbeit wagt ein rechtspopulistischer Abgeordneter den Vorstoß: Frankreich soll die 1946 verbotenen Bordelle wieder erlauben – als Kooperativen, betrieben von den Sexarbeiterinnen selbst. Der Vorschlag von Jean-Philippe...
Mitten im gesellschaftlichen Stillstand um die legale Sexarbeit wagt ein rechtspopulistischer Abgeordneter den Vorstoß: Frankreich soll die 1946 verbotenen Bordelle wieder erlauben – als Kooperativen, betrieben von den Sexarbeiterinnen selbst. Der Vorschlag von Jean-Philippe Tanguy rührt an tief verwurzelte gesellschaftliche Dogmen.
Seit der Abschaffung der staatlich regulierten Bordelle durch das Gesetz „Marthe Richard“ im Jahr 1946 verfolgt Frankreich eine abolitionistische Linie in der Prostitutionspolitik. In dieser Logik gilt Sexarbeit nicht als Beruf, sondern als Form von Gewalt, deren langfristiges Ziel die vollständige Abschaffung ist. Doch mit der Initiative von Jean-Philippe Tanguy, Abgeordneter des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN), ist diese jahrzehntelange Konsenslinie ins Wanken geraten. Tanguy schlägt vor, Bordelle wieder zuzulassen – jedoch unter anderen Vorzeichen: als genossenschaftlich organisierte Räume, in denen Sexarbeiterinnen selbst entscheiden, unter welchen Bedingungen sie tätig sein wollen.
Ein sicherer Arbeitsplatz statt Verbotspolitik
Der Kern des Anliegens liegt im sicherheitspolitischen Argument. Tanguy bezeichnet die aktuelle Rechtslage als gescheitert. Die 2016 verabschiedete Gesetzesreform, die die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellte, habe – so seine Analyse – weder Ausbeutung verhindert noch Schutz gebracht. Vielmehr seien die Betroffenen in die Illegalität gedrängt worden, wo sie vermehrt Gewalt, Abhängigkeit und gesundheitlichen Risiken ausgesetzt seien. Die Kriminalisierung der Freier habe die Arbeitsbedingungen verschlechtert, ohne die Nachfrage tatsächlich zu reduzieren.
Tanguys Lösungsvorschlag folgt einer pragmatischen Logik: Wenn man Sexarbeit nicht abschaffen kann, müsse man sie rechtlich absichern. In Anlehnung an Modelle aus Deutschland, den Niederlanden oder Neuseeland fordert er daher die Schaffung legaler Orte, an denen Sexarbeit offen, freiwillig und unter Einhaltung arbeitsrechtlicher Standards ausgeübt werden kann. Die entscheidende Neuerung: Diese Einrichtungen sollen nicht gewinnorientiert von Dritten betrieben werden, sondern als Kooperativen unter der Kontrolle der Sexarbeitenden selbst funktionieren. „Die Prostituierten wären Imperatorinnen in ihrem Reich“, so Tanguy in einem bewusst provokanten Duktus.
Ungewohnte Töne aus dem Rassemblement National
Dass ein solcher Vorschlag ausgerechnet von einem prominenten Vertreter des RN kommt, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Die Partei – hervorgegangen aus dem Front National – gilt als moralisch konservativ, insbesondere bei Fragen zu Sexualität, Familie und Gesellschaftsordnung. Marine Le Pen hat sich in der Vergangenheit zwar punktuell liberaler gezeigt, doch in gesellschaftspolitischen Fragen blieb der RN bislang zumeist auf traditioneller Linie.
Umso bemerkenswerter ist, dass Tanguy laut eigenen Angaben die Unterstützung der Parteiführung genießt. Dies könnte auf eine strategische Neuausrichtung hindeuten, bei der soziale Kontrolle nicht mehr über moralische Normen, sondern über sicherheitspolitische Regulierung erfolgt. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine rechtspopulistische Partei ein Thema besetzt, das bisher eher der politischen Linken vorbehalten war – zumal dann, wenn es um Fragen der sozialen Ordnung und inneren Sicherheit geht.
Allerdings ist der Vorstoß parteiintern nicht unumstritten. Einige RN-Mitglieder äußerten bereits ihre Skepsis, insbesondere aus Furcht, das konservative Kernmilieu zu verprellen. Tanguy hingegen scheint auf eine neue Generation von Wählern zu zielen, die sich weniger über Moralfragen definieren, sondern auf praktische Lösungen für reale gesellschaftliche Probleme drängen.
Zwischen Abolitionismus und Autonomie
Frankreichs Prostitutiongesetzgebung basiert auf einem klaren ideologischen Fundament: Die Tätigkeit gilt nicht als Beruf, sondern als Ausdruck patriarchaler Gewaltverhältnisse. Das Gesetz von 2016 stellte nicht die Sexarbeitenden selbst, sondern deren Kunden unter Strafe. Damit folgte Frankreich dem sogenannten nordischen Modell, das unter anderem in Schweden, Norwegen und Kanada Anwendung findet.
Befürworter dieser Linie – darunter zahlreiche feministische Organisationen – argumentieren, dass nur durch die vollständige Entnormalisierung der Prostitution langfristig Gleichberechtigung hergestellt werden könne. In dieser Sichtweise ist jede Form der Legalisierung eine Kapitulation vor der „Kommerzialisierung weiblicher Körper“. Besonders heftig fällt die Kritik aus, wenn Vorschläge wie jener Tanguys von der politischen Rechten kommen. Der STRASS, das französische Sexarbeiter:innen-Syndikat, begrüßt zwar seit Jahren die Idee von kooperativen Arbeitsmodellen, lehnt jedoch jegliche Zusammenarbeit mit dem RN kategorisch ab – nicht zuletzt wegen dessen migrationspolitischer Agenda.
Auf der anderen Seite steht eine wachsende Gruppe zivilgesellschaftlicher Initiativen, die auf die Rechte, die Selbstbestimmung und den Gesundheitsschutz von Sexarbeitenden pocht. Sie sehen in der repressiven Gesetzgebung der letzten Jahre nicht den Schutz, sondern die Gefährdung der Betroffenen. Auch aus internationalen Organisationen wie Amnesty International oder der WHO mehren sich Stimmen, die eine kontrollierte Legalisierung als effektiveren Schutzmechanismus ansehen.
Politisches Störfeuer oder Beginn eines Paradigmenwechsels?
Ob Tanguys Vorstoß Chancen auf eine parlamentarische Mehrheit hat, ist ungewiss. In einer politisch polarisierten Landschaft wie der französischen dürfte das Thema weniger nach sachlichen Kriterien als entlang ideologischer Frontlinien diskutiert werden. Für die Linke ist die Nähe zur extremen Rechten ein toxisches Argument, selbst wenn inhaltlich Überschneidungen bestehen. Für die bürgerliche Rechte wiederum ist die Liberalisierung von Moralfragen ein Drahtseilakt zwischen liberalem Zeitgeist und konservativem Erbe.
Nichtsdestotrotz markiert die Debatte einen interessanten Wendepunkt. Erstmals seit Jahrzehnten wird nicht nur über Prostitution gesprochen, sondern über die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen sie stattfindet. Der Vorschlag eines kooperativen Modells durchbricht das bisherige Entweder-Oder von Verbot oder Liberalisierung und bringt eine neue Option ins Spiel: eine arbeitsrechtlich regulierte, von staatlicher Kontrolle flankierte und auf Eigenverantwortung basierende Form der Sexarbeit.
Die Diskussion dürfte damit über das konkrete Gesetzesvorhaben hinausreichen. Sie berührt Grundfragen des Verhältnisses von Staat und Individuum, von Moral und Recht, von Sicherheit und Freiheit. Wie Frankreich mit diesem Spannungsfeld umgeht, könnte nicht nur Signalwirkung für andere Länder haben – es könnte auch zum Testfall für eine breitere gesellschaftliche Neudefinition der Grenzen zwischen öffentlichen Normen und privater Autonomie werden.
Autor: P. Tiko