Alle Artikel · 15.04.2025 08:50
Wenn Städte plötzlich keine Versicherung mehr finden – Frankreichs Gemeinden in der Klemme
Was tun, wenn keine Versicherung mehr mitspielen will? Genau das erleben derzeit rund 1.500 französische Kommunen – eine stille, aber tiefgreifende Krise, die kaum jemand auf dem Schirm hat, obwohl sie Millionen betrifft. Klimakatastrophen,...
Was tun, wenn keine Versicherung mehr mitspielen will? Genau das erleben derzeit rund 1.500 französische Kommunen – eine stille, aber tiefgreifende Krise, die kaum jemand auf dem Schirm hat, obwohl sie Millionen betrifft. Klimakatastrophen, soziale Unruhen und steigende Risiken haben dazu geführt, dass viele Versicherer ihre Verträge mit Gemeinden kündigen oder unbezahlbar machen. Für viele Städte und Dörfer steht nun nicht weniger als ihre Handlungsfähigkeit auf dem Spiel.
Wenn ein Ort Katastrophen verbietet
Klingt absurd? Ist aber Realität. Der Bürgermeister von Breil-sur-Roya, einem kleinen Ort in den Alpen, hat aus purer Verzweiflung einen symbolischen Erlass verhängt – Naturkatastrophen sind dort seit kurzem offiziell verboten. Natürlich ändert das nichts an den klimatischen Realitäten, wohl aber am Umgang mit ihnen: Die Stadt ist schlichtweg nicht mehr versicherbar seit der verheerenden Sturmflut Alex im Jahr 2020.
Auch die Küstenstadt Les Sables-d’Olonne geht seit dem 1. Januar 2025 leer aus – keine Police mehr gegen klimatische Risiken. Dort, wo der Atlantik nur wenige Meter vom Stadtzentrum entfernt tobt, wirkt diese Situation wie ein Spiel mit dem Feuer.
Warum verweigern Versicherer den Schutz?
Die Antwort ist bitter und unbequem: Die Schäden nehmen zu – und das drastisch. 2023 beliefen sich allein die klimabedingten Schäden auf 6,5 Milliarden Euro. Hinzu kamen landesweite Unruhen, Plünderungen und Vandalismus in den Städten. Für die Versicherer ergibt das ein toxisches Risiko-Cocktail.
Die Folge? Kündigungen, Preisexplosionen, untragbare Selbstbeteiligungen. Und mittendrin: Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Infrastruktur schützen oder bei Schäden schnell reagieren sollen. Besonders betroffen sind kleinere Kommunen mit knappem Budget. Da reichen ein Starkregenereignis oder ein Brandanschlag – und der Finanzplan kollabiert.
Die Zwangslage der kleinen Städte
Viele kleine Gemeinden sehen sich an der Wand stehen. Ohne Versicherung bleibt nur noch der Gang an den staatlichen Tropf oder die bittere Entscheidung, beschädigte Gebäude einfach nicht mehr zu reparieren. Schwimmbäder bleiben geschlossen, Schulen verfallen, Straßen werden nicht mehr erneuert – und die Bürgerinnen und Bürger verlieren das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit ihres Rathauses.
Die Association des petites villes de France warnt bereits vor einer gefährlichen Entwicklung: Wenn keine Lösung gefunden wird, droht die Zerschlagung kommunaler Daseinsvorsorge.
Was macht die Politik?
Der Staat hat die Krise erkannt – zumindest teilweise. Ende März lud die Regierung Vertreter von Versicherungen und Gemeinden an einen Tisch. Ergebnis: eine unverbindliche Charta und die Gründung einer "Begleit- und Orientierungsstelle", die Kommunen helfen soll, passende Angebote zu finden.
Na ja, klingt gut – aber reicht das? Ein Hoffnungsschimmer immerhin: Auch der Fonds Barnier, ein staatlicher Klimavorsorgefonds, wurde aktiviert. Damit sollen bauliche Maßnahmen gefördert werden, um Risiken zu minimieren – etwa durch erhöhte Fundamente, bessere Drainagen oder Brandschutzsysteme.
Versicherbarkeit durch Eigenleistung?
Ein neuer Gedanke macht die Runde: Zugang zur Versicherung nur gegen aktiven Risikoschutz. Also: Wer Prävention betreibt, bekommt Schutz. Wer untätig bleibt, nicht. Klingt fair, ist aber für viele klamme Kommunen kaum machbar – denn ohne Geld keine Schutzmaßnahmen. Und ohne Schutzmaßnahmen keine Versicherung. Ein Teufelskreis?
Vielleicht braucht es neue Modelle: mehr staatliche Rückversicherungen, regionalisierte Risikopools oder eine verpflichtende Solidaritätsversicherung auf nationaler Ebene.
Ein System am Limit
So oder so – das bisherige Versicherungsmodell stößt an seine Grenzen. Einst kalkulierbare Naturgefahren entwickeln sich zu unkalkulierbaren Extremrisiken. Und die Absicherung gegen politische Gewalt war ohnehin schon ein schwieriges Feld.
Muss man also alles neu denken? Ja. Denn eines ist klar: Wenn schon öffentliche Institutionen keine Versicherung mehr finden, was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft aus?
Was lernen wir daraus?
Die Versicherungskrise ist ein Symptom – aber nicht die Krankheit selbst. Sie zeigt, wie fragil unsere Systeme sind, wenn Klima und Gesellschaft gleichzeitig unter Druck geraten. Und sie zeigt, dass Resilienz nicht nur ein Modewort ist, sondern zur zentralen Aufgabe jeder Kommune wird – ob groß oder klein.
Werden wir daraus lernen? Oder schauen wir einfach weiter zu, bis beim nächsten Sturm nicht nur ein Dach fliegt, sondern gleich das ganze Rathaus?
Catherine H.