Tag & Nacht


Wer im Garten eine Wanze entdeckt, denkt selten an einen Nützling. Meist gelten die kleinen Insekten als unerwünschte Gäste. In der Bretagne zeigt die Landwirtschaft jedoch, dass manche Wanzen wertvolle Helfer sein können. In Guipavas bei Brest betreibt die Genossenschaft Savéol eine außergewöhnliche Insektenfarm, in der Millionen räuberischer Wanzen, Mikro-Wespen und Hummeln gezüchtet werden. Ihr Auftrag: Tomaten- und Erdbeerkulturen schützen und bestäuben.

Die Anlage erstreckt sich über mehr als 6.500 Quadratmeter. Dort wachsen keine Früchte für den Verkauf, sondern Populationen von Nützlingen. Besonders gefragt ist die Wanze Macrolophus pygmaeus. Das unscheinbare Insekt entwickelt einen erstaunlichen Appetit auf Schädlinge. Weiße Fliegen, Blattläuse, Milben oder die Eier von Schmetterlingsraupen stehen auf seinem Speiseplan. Was für Gärtner oft zum Problem wird, verwandelt sich hier in Nahrung für natürliche Feinde.

Das Prinzip dahinter trägt den Namen integrierter biologischer Pflanzenschutz. Statt Schädlinge ausschließlich mit chemischen Mitteln zu bekämpfen, setzt Savéol auf ein fein abgestimmtes Gleichgewicht. Die Nützlinge halten die Schädlinge in Schach, während Hummeln für die Bestäubung sorgen. Das erinnert fast an ein gut eingespieltes Orchester, in dem jedes Tier seine eigene Rolle übernimmt.

Neu ist dieser Ansatz keineswegs. Bereits 1983 begann die Genossenschaft mit ersten Versuchen. Seither wuchs die Produktion stetig. Heute verlassen jedes Jahr Millionen räuberischer Wanzen und Mikro-Wespen die Zuchtanlagen, um in den Gewächshäusern ihren Dienst anzutreten. Eine stille Armee, die rund um die Uhr arbeitet und keine Lohnforderungen stellt.




Gerade dieser Perspektivwechsel macht die Geschichte spannend. Ausgerechnet Tiere, die vielerorts als lästig gelten, avancieren zu Verbündeten moderner Landwirtschaft. Wer hätte gedacht, dass eine Wanze einmal als Heldin der Tomatenernte auftreten könnte?

Gleichzeitig zeigt das Beispiel, wie die Agrarwende in der Praxis oft aussieht. Romantische Vorstellungen von Landwirtschaft unter freiem Himmel treffen hier auf Hightech-Gewächshäuser und präzise organisierte Produktionsabläufe. Die Tomaten wachsen häufig in kontrollierten Systemen, die nicht automatisch den Kriterien des ökologischen Landbaus entsprechen. „Ohne Pestizide“ und „bio“ bedeuten eben nicht dasselbe.

Genau darin liegt die Besonderheit des bretonischen Modells. Es sucht keine perfekte Lösung, sondern eine praktikable. Natürliche Feinde, technische Überwachung und modernes Gewächshausmanagement greifen ineinander. Das wirkt vielleicht weniger spektakulär als große Versprechen, erzielt aber greifbare Ergebnisse.

Und mal ehrlich: Ist es nicht faszinierend, dass winzige Insekten einen Beitrag zur Ernährung von Millionen Menschen leisten? Während wir Tomaten im Supermarkt auswählen, erledigen in der Bretagne unzählige kleine Helfer ihre Arbeit – fast unsichtbar, aber unverzichtbar.

Ein Artikel von M. Legrand

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