À la une · 19.11.2025 08:30
Wie Fischernetze aus der Bretagne zum Schutzschild gegen Drohnen wurden
Zivile Solidarität und militärische Wirkung: Wie bretonische Fischer der Ukraine helfen, sich gegen russische Angriffe zu verteidigen Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 17. November 2025 zu einem diplomatischen Besuch in Paris weilte,...
Zivile Solidarität und militärische Wirkung: Wie bretonische Fischer der Ukraine helfen, sich gegen russische Angriffe zu verteidigen
Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 17. November 2025 zu einem diplomatischen Besuch in Paris weilte, verdient ein ungewöhnlicher Programmpunkt besondere Aufmerksamkeit: Ein offizielles Treffen mit bretonischen Fischern, die der Ukraine ein scheinbar banales, aber in der Praxis hochwirksames Hilfsmittel gespendet hatten – ausgediente Fischernetze. Insgesamt 280 Kilometer dieser Netze wurden bereits im Oktober an die Ukraine geliefert, wo sie seitdem zur Abwehr russischer Drohnenangriffe eingesetzt werden.
Improvisierte Verteidigung gegen Hightech-Angriffe
Die Idee, alte Fischernetze als Schutzvorrichtung zu verwenden, mag auf den ersten Blick kurios erscheinen. Tatsächlich aber erweisen sich die kilometerlangen Kunststoffgeflechte im Kriegsgebiet als überraschend effizient. In der ostukrainischen Region Saporischschja, einem Brennpunkt der russischen Offensive, werden die Netze als physische Barrieren über Straßen und strategisch wichtige Infrastrukturen gespannt. Sie dienen dort als sogenannte "Drohnenwände", die tief fliegende Kamikaze-Drohnen abfangen oder zumindest deren Zielgenauigkeit beeinträchtigen.
„Der Präsident hat uns gesagt, dass wir uns gar nicht vorstellen können, wie viele Leben unsere Netze bereits gerettet haben“, berichtete Gérard Le Duff von der bretonischen Hilfsorganisation Kernic Solidarité in einem Interview mit France Inter. Selenskyj war in der Vorwoche selbst in Saporischschja und erkundigte sich laut Le Duff persönlich nach der Herkunft der auffälligen Netzstrukturen, woraufhin die ukrainische Botschaft umgehend Kontakt zu den Fischern aufnahm.
Begegnung mit symbolischer Strahlkraft
Das Treffen zwischen dem ukrainischen Präsidenten und den bretonischen Fischern dauerte zwar nur eine halbe Stunde, doch für die Beteiligten hatte es eine tiefgreifende emotionale Bedeutung. „Wir wollten nicht tatenlos zusehen, wie ein Volk leidet. Es war für uns selbstverständlich zu helfen“, erklärte Yannick Calvez, Präsident des bretonischen Fischereiverbands, im Regionalradio ICI Breizh Izel.
Als Zeichen regionaler Verbundenheit überreichten die Fischer dem ukrainischen Staatsoberhaupt eine Jacke mit dem Slogan Tout commence en Finistère („Alles beginnt im Finistère“). Selenskyj zeigte sich bewegt und stolz, das Symbol regionaler Solidarität zu tragen. Er lud die Delegation sogar zu einem Besuch in die Ukraine ein – ein Ausdruck hoher Wertschätzung für eine Geste, die weit über symbolische Politik hinausgeht.
Vom Atlantik ins Kriegsgebiet: Logistik und zivile Mobilisierung
Die Aktion der bretonischen Fischer ist Teil eines breiter angelegten zivilgesellschaftlichen Engagements. Getragen wird die Initiative maßgeblich von der Organisation Kernic Solidarité, die sich auf humanitäre Transporte spezialisiert hat. Die erste Lieferung von 280 Kilometern Netzmaterial erfolgte im Oktober. Nun steht bereits die nächste Etappe bevor: Dank einer Finanzhilfe des Départements Finistère in Höhe von 5.000 Euro sollen zwei weitere Lkw mit insgesamt 400 Kilometern Netzware folgen.
Die Bedeutung solcher Hilfsmaßnahmen liegt nicht allein im materiellen Nutzen. Sie stehen auch exemplarisch für eine Form europäischer Solidarität von unten – fernab diplomatischer Konferenzräume und militärischer Bündnisse. Während Regierungen über Munitionslieferungen und Sicherheitsgarantien verhandeln, organisieren lokale Akteure konkrete Hilfe vor Ort.
Ein neuer Aspekt asymmetrischer Kriegsführung
Der Ukrainekrieg hat nicht nur geopolitische Ordnungen erschüttert, sondern auch gezeigt, wie improvisierte Mittel eine reale Wirkung auf dem Gefechtsfeld entfalten können. Die Umnutzung von Fischernetzen zur Drohnenabwehr ist ein Paradebeispiel für die Kreativität asymmetrischer Verteidigung – ein Bereich, in dem die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 bemerkenswerte Innovationskraft bewiesen hat.
Tatsächlich setzen ukrainische Streitkräfte zunehmend auf kostengünstige, flexible Lösungen: von in Garagen entwickelten Kampf-Drohnen über 3D-gedruckte Ersatzteile bis hin zu modifizierten Ziviltechnologien. Die Integration ziviler Spenden wie der Fischernetze fügt sich in dieses Muster ein. Gleichzeitig verdeutlicht sie, dass moderne Kriegsführung längst nicht mehr nur auf Schlachtfeldern entschieden wird, sondern in Werkstätten, Netzwerken – und manchmal eben auch in bretonischen Fischereihäfen.
Ob die Netze künftig auch in anderen Frontabschnitten verwendet werden, bleibt offen. Doch allein die symbolische und praktische Wirkung dieser Initiative hat bereits Wirkung entfaltet. In einer Zeit, in der Hilfsbereitschaft oft an geopolitischen Realitäten zu scheitern droht, erinnert die Geschichte der bretonischen Fischer daran, dass Solidarität manchmal mit einem einfachen Netz beginnt.
Autor: P. Tiko