Frankreich · 12.05.2026 07:51
Wo zwischen Beton und Trockenheit neues Leben wächst
Zwischen Wohnblöcken, an staubigen Stadträndern und auf ehemaligen Brachflächen entsteht in den Bouches-du-Rhône seit einigen Jahren eine stille kleine Revolution. Keine Postkartenidylle mit Lavendelfeldern und endlosen Weinbergen, sondern gemeinschaftlich gepflegte Gärten, in denen Tomaten,...
Zwischen Wohnblöcken, an staubigen Stadträndern und auf ehemaligen Brachflächen entsteht in den Bouches-du-Rhône seit einigen Jahren eine stille kleine Revolution. Keine Postkartenidylle mit Lavendelfeldern und endlosen Weinbergen, sondern gemeinschaftlich gepflegte Gärten, in denen Tomaten, Zucchini und Kräuter gedeihen — und vor allem menschliche Nähe.
In Marseille, Aix-en-Provence, Arles und rund um den Étang de Berre erleben diese „Jardins partagés“ einen bemerkenswerten Aufschwung. Besonders nach den Monaten der Corona-Lockdowns zog es viele Menschen wieder nach draußen. Plötzlich bekam das unmittelbare Umfeld eine neue Bedeutung. Man suchte frische Luft, ein Stück Natur und Begegnungen, die nicht durch Bildschirme oder Hast bestimmt waren.
Gerade in dicht bebauten Vierteln wirken diese Gärten wie kleine Atempausen. Hinter improvisierten Zäunen, über denen Bougainvillea und Jasmin hängen, treffen sich Rentner, Studierende, junge Familien oder neu Zugezogene. Einer bringt Setzlinge mit, die andere kennt einen Trick gegen trockene Böden, irgendwo köchelt bereits ein Topf Ratatouille auf einem Campingkocher. Klingt fast ein bisschen wie früher — nur mitten in der Großstadt.
Der eigentliche Gemüseanbau rückt dabei oft erstaunlich weit in den Hintergrund.
Viele Teilnehmer erzählen, dass sie hier erstmals wieder Nachbarn kennenlernen. Menschen, die jahrelang Tür an Tür lebten, ohne ein einziges Wort zu wechseln, stehen plötzlich gemeinsam über einem Kompostbehälter oder diskutieren über die beste Bewässerung für den kommenden Hitzesommer. Da wird geschaufelt, gegossen, gelacht und manchmal auch gestritten wie in einer großen Familie. Eben echtes Leben.
Besonders in sozialen Brennpunkten von Marseille betrachten Vereine die Gemeinschaftsgärten längst als Instrument gegen Isolation und Spannungen im Viertel. Wer zusammen Beete baut, begegnet sich anders. Herkunft, Einkommen oder Alter verlieren zwischen Kräuterbeeten und Wasserfässern oft an Schärfe. Der Garten wird zu einem neutralen Raum — einem seltenen Ort, an dem gesellschaftliche Gräben nicht sofort sichtbar sind.
Das mediterrane Klima prägt diese Entwicklung natürlich stark. Unter der provenzalischen Sonne wächst vieles schnell, gleichzeitig zwingt die zunehmende Trockenheit zu neuen Ideen. Zahlreiche Projekte experimentieren inzwischen mit Permakultur, dichter Mulchschicht und Regenwasserspeichern. Manche Anlagen wirken beinahe wie kleine Versuchslabore für die Frage, wie Städte künftig mit Hitze und Wassermangel umgehen können.
Auch die Kommunen haben den Nutzen erkannt. Begrünte Flächen kühlen aufgeheizte Viertel ab, stärken das Gemeinschaftsgefühl und fördern eine nachhaltigere Ernährung. In einem stark urbanisierten Département, das regelmäßig unter Sommerhitze leidet, bekommen diese grünen Inseln eine immer größere Bedeutung.
Ganz ohne Probleme läuft es allerdings nicht. Bauland ist knapp, Immobilienprojekte lukrativ und viele Gemeinschaftsgärten existieren nur auf Zeit. Manche Flächen verschwinden so schnell wieder, wie sie entstanden sind. Wo heute Salbei wächst, rollen morgen womöglich schon die Bagger an.
Vielleicht macht gerade diese Zerbrechlichkeit die Gärten für viele Menschen so wertvoll. In einer Gesellschaft, die oft angespannt und zersplittert wirkt, zeigen diese Orte etwas beinahe Altmodisches: Gemeinschaft entsteht nicht durch große Reden, sondern durch Erde unter den Fingernägeln, geteilte Arbeit und ein wenig Geduld.
Andreas M. B.