Frankreich · 16.07.2026 07:15
Wollten die USA Frankreich besetzen und zerschlagen? Was hinter dem Film Die Schlacht um de Gaulle tatsächlich steckt
Der Fernsehfilm La Bataille de Gaulle greift einen der schärfsten politischen Konflikte innerhalb der westlichen Alliierten während des Zweiten Weltkriegs auf: das angespannte Verhältnis zwischen US-Präsident Franklin D. Roosevelt und General Charles de Gaulle....
Der Fernsehfilm La Bataille de Gaulle greift einen der schärfsten politischen Konflikte innerhalb der westlichen Alliierten während des Zweiten Weltkriegs auf: das angespannte Verhältnis zwischen US-Präsident Franklin D. Roosevelt und General Charles de Gaulle. Die zentrale These des Films – die Vereinigten Staaten hätten Frankreich nach der Befreiung militärisch verwalten und möglicherweise sogar territorial neu ordnen wollen – klingt spektakulär. Tatsächlich beruht sie auf realen historischen Vorgängen. Allerdings verdichtet und dramatisiert der Film einzelne Aspekte und lässt den Eindruck entstehen, es habe einen fertigen amerikanischen Plan zur dauerhaften Zerschlagung Frankreichs gegeben. Dafür gibt es allerdings keine belastbaren historischen Belege.
Das AMGOT: Eine vorbereitete Militärverwaltung
Bereits ab 1943 entwickelten die Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihren Verbündeten Konzepte für die Verwaltung befreiter oder besetzter Gebiete. Im Mittelpunkt stand das sogenannte Allied Military Government of Occupied Territories (AMGOT). Dieses Modell war zunächst für Italien vorgesehen und kam später auch in Deutschland und Japan zur Anwendung.
Aus amerikanischer Sicht war Frankreich ein Sonderfall. Das Vichy-Regime hatte mit dem Deutschen Reich kollaboriert, wodurch seine politische Legitimität schwer beschädigt war. Präsident Roosevelt betrachtete die französischen Staatsstrukturen daher mit erheblichem Misstrauen und zweifelte daran, ob nach der Befreiung sofort eine handlungsfähige nationale Regierung existieren würde.
Vor diesem Hintergrund bereiteten amerikanische Planer tatsächlich die Möglichkeit vor, auch Frankreich vorübergehend einer alliierten Militärverwaltung zu unterstellen. Es handelte sich dabei nicht um eine spontane Idee, sondern um ein konkretes administratives Szenario für den Fall, dass nach der Landung in der Normandie ein politisches Machtvakuum entstehen sollte.
Die umstrittenen AMGOT-Banknoten
Ein besonders symbolträchtiger Bestandteil dieser Vorbereitungen war die Ausgabe einer eigenen Besatzungswährung. Die Vereinigten Staaten ließen sogenannte AMGOT-Banknoten drucken, die nach der Befreiung vorübergehend als Zahlungsmittel dienen sollten.
Für Charles de Gaulle stellte dies einen unmittelbaren Angriff auf die französische Souveränität dar. Eine fremde Währung bedeutete in seinen Augen, dass Frankreich wie ein besetztes und nicht wie ein befreites Land behandelt würde.
Nach der Befreiung setzte sich de Gaulle mit großer Entschlossenheit durch. Die AMGOT-Scheine wurden nicht als reguläre Währung eingeführt, stattdessen blieb die französische Verwaltung bestehen und die staatlichen Institutionen nahmen ihre Arbeit unter französischer Führung wieder auf. Dieser Erfolg war von erheblicher politischer Bedeutung, weil er den Anspruch der französischen Republik auf staatliche Kontinuität unterstrich.
Roosevelt und de Gaulle: Ein persönlicher und politischer Machtkampf
Die Spannungen zwischen Roosevelt und de Gaulle gingen weit über sachliche Differenzen hinaus. Roosevelt hielt den französischen General für schwierig, kompromisslos und autoritär. Er wollte vermeiden, dass sich de Gaulle ohne demokratische Legitimation dauerhaft an die Spitze Frankreichs setzte.
Der amerikanische Präsident vertrat die Auffassung, die französische Bevölkerung solle nach Kriegsende selbst über ihre künftige Regierung entscheiden. Bis zu freien Wahlen erschien ihm eine alliierte Übergangsverwaltung als vertretbare Lösung.
De Gaulle verfolgte hingegen einen grundlegend anderen staatsrechtlichen Ansatz. Für ihn hatte die Französische Republik trotz der Niederlage von 1940 niemals aufgehört zu existieren. Das Vichy-Regime betrachtete er als illegitime Ausnahme, nicht als rechtmäßigen Nachfolger der Republik. Daraus leitete er den Anspruch ab, dass keine ausländische Macht berechtigt sei, Frankreich auch nur vorübergehend zu verwalten.
Diese gegensätzlichen Auffassungen machten einen politischen Konflikt nahezu unvermeidlich.
Wollten die Vereinigten Staaten Frankreich dauerhaft unter Kontrolle bringen?
Die historische Antwort lautet: teilweise – allerdings nur für einen begrenzten Übergangszeitraum.
Es existieren zahlreiche Dokumente, die belegen, dass Washington eine alliierte Militärverwaltung Frankreichs ernsthaft vorbereitete. Daraus lässt sich jedoch keine Absicht ableiten, Frankreich dauerhaft seiner staatlichen Eigenständigkeit zu berauben oder es in ein amerikanisches Protektorat umzuwandeln.
Die amerikanischen Planungen zielten auf eine vorläufige Verwaltung bis zur Bildung einer demokratisch legitimierten französischen Regierung. Dass de Gaulle diese Übergangslösung kategorisch ablehnte, änderte nichts daran, dass sie aus Sicht Washingtons als pragmatische Nachkriegslösung gedacht war.
Gab es Pläne zur Zerschlagung Frankreichs?
An dieser Stelle entfernt sich die filmische Darstellung am deutlichsten von der historischen Quellenlage.
Zwar finden sich in amerikanischen Archiven Überlegungen einzelner Berater und Strategen über mögliche territoriale Neuordnungen Europas nach dem Krieg. Diskutiert wurden unter anderem die Zukunft Deutschlands, die Saar, das Rheinland sowie verschiedene Grenzfragen.
Ein offiziell verabschiedeter amerikanischer Plan, Frankreich dauerhaft in mehrere Staaten aufzuteilen oder große Teile seines Staatsgebiets abzutrennen, ist jedoch nicht nachweisbar.
Auch Vorstellungen einer „Neuen Wallonie“, die französische Gebiete im Nordosten dauerhaft umfassen sollte, tauchen allenfalls in vereinzelten Gedankenspielen oder informellen Diskussionen auf. Sie wurden weder zur offiziellen Politik der Vereinigten Staaten noch fanden sie Unterstützung bei Großbritannien oder den übrigen Alliierten.
Die Behauptung einer konkret geplanten Zerschlagung Frankreichs überschreitet daher den gesicherten historischen Befund.
Warum scheiterte AMGOT in Frankreich?
Entscheidend war letztlich die militärische und politische Entwicklung im Sommer 1944.
Mit dem raschen Vormarsch der alliierten Truppen sowie dem erfolgreichen Wirken der Résistance gelang es den Anhängern de Gaulles, die französischen Präfekturen und Verwaltungsbehörden schnell wieder unter nationale Kontrolle zu bringen. Noch bevor eine alliierte Militärverwaltung eingerichtet werden konnte, funktionierten vielerorts bereits französische Institutionen.
Dadurch verlor das AMGOT-Konzept seine praktische Grundlage. Die Vereinigten Staaten mussten akzeptieren, dass de Gaulle vollendete Tatsachen geschaffen hatte. Wenige Monate später erkannten auch die USA seine provisorische Regierung offiziell an.
Frankreich konnte damit seine staatliche Kontinuität behaupten – ein Erfolg, der wesentlich auf de Gaulles politischer Beharrlichkeit beruhte.
Der historische Kern von La Bataille de Gaulle ist somit eindeutig vorhanden. Die Vereinigten Staaten bereiteten tatsächlich eine alliierte Militärverwaltung für Frankreich vor, ließen eine Besatzungswährung drucken und standen de Gaulle lange Zeit mit erheblichem Misstrauen gegenüber. Ebenso zutreffend ist, dass der französische General diese Pläne als Verletzung der nationalen Souveränität betrachtete und erfolgreich verhinderte.
Weniger überzeugend ist hingegen die Darstellung eines weitreichenden amerikanischen Staatsplans zur dauerhaften Zerschlagung Frankreichs. Dafür existieren keine belastbaren Belege. Einzelne Überlegungen oder informelle Szenarien aus dem Umfeld Roosevelts wurden nie zu offizieller Regierungspolitik und fanden innerhalb des westlichen Bündnisses keine Mehrheit.
Der Film bewegt sich somit auf einer schmalen Grenze zwischen historischer Rekonstruktion und dramaturgischer Zuspitzung. Er vermittelt den realen Machtkampf zwischen Roosevelt und de Gaulle eindrucksvoll, überzeichnet jedoch die territoriale Dimension des Konflikts deutlich zugunsten einer spannenderen Erzählung.
Autor: Andreas M. Brucker