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Alle Artikel · 08.01.2026 10:42

Zeitmesser und Klangwelten: Die Uhrmacher‑Seele der Franche‑Comté

Tick, tack … hast du dich je gefragt, warum die Zeit besonders klingt, wenn sie in einer uralten Comtoise‑Pendeluhr schlägt? Warum ein Glockenspiel über einem Dorffriedhof mehr Sehnsucht weckt als jede moderne Playlist? Willkommen...

Tick, tack … hast du dich je gefragt, warum die Zeit besonders klingt, wenn sie in einer uralten Comtoise‑Pendeluhr schlägt? Warum ein Glockenspiel über einem Dorffriedhof mehr Sehnsucht weckt als jede moderne Playlist? Willkommen in der Franche‑Comté — wo Zeit nicht nur gemessen, sondern gelebt wird.

In dieser Landschaft zwischen Wäldern, Flusstälern und sanften Hügeln pulsiert eine Tradition, die so alt ist wie die mechanischen Herzen, die hier geschlagen haben: die Uhrmacherkunst. Sie schlägt den Takt des Alltags, formt Gemeinschaften und verbindet Generationen über Jahrhunderte hinweg. Auf den ersten Blick mag es nur um Zahnräder und Federn gehen, doch in Wahrheit handelt dieser Landstrich von Geschichten, von Leidenschaft, von Menschen, die der Zeit ein Gesicht geben.

Und ich nehme dich mit auf eine Entdeckungsreise durch dieses faszinierende Handwerk.


Das Herz schlägt im Dorf

Kaum bist du von der Autobahn abgefahren, spürst du es: ein anderes Tempo. Kein hektisches Rattern, kein ständiger Blick auf die Smartwatch. Stattdessen das beruhigende Pochen großer Turmuhren und der sanfte Klang kleiner Pendeluhren hinter Fensterläden.

Im Hoch‑Doubs, dem „Pays Horloger“, sind die Uhren nicht bloß Geräte. Sie sind Gesellschaft. Sie erzählen von Generationen, die sich dem Ticken verschrieben haben, oft ohne großes Publikum, aber mit umso größerer Hingabe.

Und dann sitzt er da, in einer alten Bauernscheune, umgeben von Hunderten von Uhren: François Boinay. Ein Mann, der aussieht, als sei er selbst aus Messing und Zähnrädern gefertigt. Sein Reich ist ein Universum aus Tick‑Geräuschen, Pendelbewegungen und feinsten Mechanismen. Die Uhren um ihn herum wirken wie zahllose Herzen, die im selben Rhythmus schlagen wie sein eigenes.

„Wenn ich eine Uhr öffne“, sagt er, „dann betrete ich nicht nur ihr Innerstes, sondern auch das Leben der Menschen, die sie besitzen.“
Und das ist kein leeres Gerede.

Da ist der Duft von Holzrauch, der aus einem winzigen Raum zu kommen scheint; eine unscheinbare Ecke, in der eine alte, geschnitzte Uhr darauf wartet, wieder zum Leben erweckt zu werden. Darin finden sich winzige Zettelchen, längst vergessene Botschaften früherer Besitzer – liebevolle Notizen, Datumsangaben, leise Hinweise aus der Vergangenheit.

Was für ein Gefühl muss das sein?
In einer Welt aus Smartphones, in der jede Sekunde jederzeit abrufbar ist, die Zeit mit eigenen Händen hörbar und fühlbar zu machen?


Tradition trifft Leidenschaft

François kam zur Uhrmacherei nicht früh. Er hat sie gefunden – später im Leben –, nachdem er andere Wege gegangen war. Doch die Leidenschaft hat ihn eingeholt. In seiner Familie ist er die fünfte Generation von Uhrmachern, ein lebendiger Faden, der sich durch Jahre und Jahrzehnte spinnt.

Er spricht über die Comtoise‑Uhren mit einer Wärme, die selbst die kältesten Zahnräder zum Glühen bringen würde: „Der Takt hier ist fest, solide … im Gegensatz zu manchen Carillons, die ein gling‑gling von sich geben, das ich nicht so gern mag.“

Er lacht bei diesen Worten, aber seine Augen funkeln. Er zeigt mir eine uralte Uhr aus dem Jahr 1912. Ein Schmuckstück, das mehr ist als ein Zeitmesser – es ist ein Archiv menschlicher Geschichten. Eine Art Lebensversicherung seiner Zeit, erzählt er: Damals tauschte man beim Vertragsabschluss nicht einfach Papier, sondern bekam eine Uhr. Um sie am Laufen zu halten, musste Geld nachgefüllt werden. Und am Monatsende? Kam der Versicherer mit dem Schlüssel zurück, um zu holen, was er bringen sollte.

So funktionierte Zeit damals. Menschlich. Greifbar. Besonders.


Vom Meister zum Lehrling

In der Ecke steht ein junger Mann, kaum 19 Jahre alt, ruhig, konzentriert und doch voller Energie. Armand hat gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Für ihn ist die Uhrmacherei mehr als Technik: „Ich fühle mich wohl, wenn ich diese Melodien höre. Acht Stunden an einem Mechanismus zu arbeiten? Das ist kein Job – das ist Leidenschaft.“
Und ich frage mich: Wo sonst findet man heute noch junge Menschen, die bereit sind, so tief in die Zeit einzutauchen?

Was bewegt jemanden in einem Zeitalter, in dem alles schneller, höher, weiter werden soll, zur Ruhe zu kommen – und in winzigen Schrauben und Zahnrädern ein Universum zu sehen?

In seinen Augen sehe ich diese Antwort: Es ist nicht Technik. Es ist Liebe.


Die großen Töne – Turmuhren und Glockenspiele

Doch die Uhrmacherkunst in der Franche‑Comté bleibt nicht bei Tischen voller kleiner Pendel stehen. Weiter südlich, unweit von Besançon, erklingen andere Dimensionen der Zeit.

Hier arbeitet Nicolas Prêtre, Spezialist für monumentale Uhrwerke. Wir steigen über Leitern in Holzschächte und enge Türmchen, bis wir vor einem komplexen Mechanismus stehen, der größer ist als so mancher Wohnzimmertisch. Diese Uhrwerke sind verborgen in den Kirchtürmen, oft unsichtbar für die Besucher. Ihre Stimmen hören wir nur von weit unten – als Glockenschlag, als Echo durch das Dorf.

„Viele Menschen wissen gar nicht, was da oben steckt – Zahnrad um Zahnrad, Jahrzehnt um Jahrzehnt“, sagt Nicolas. Und doch trägt dieses Uhrwerk zur Identität eines Ortes bei wie kaum etwas anderes.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die astronomische Uhr von Lyon, mehr als sieben Jahrhunderte alt – eine der ältesten Europas. Nicolas und sein Team haben sie restauriert, ein Werk, das nicht nur Stunden schlägt, sondern Planeten, Bewegung und Geschichte in sich trägt.

Seine Stimme wird leiser, wenn er über die Zukunft spricht: „Solange es Dörfer gibt, die am Klang ihrer Turmuhr hängen … werden wir gebraucht.“
Und da ist sie wieder: Diese tiefe, stille Verbundenheit zwischen Mensch und Zeit.


Haute Horlogerie: Klein, fein, französisch

Vom imposanten Glockenturm ins filigrane Innenleben einer Luxusuhr: In Morteau schlägt ein anderes Herz der französischen Uhrmacherkunst.

Hier arbeitet die Pequignet‑Manufaktur, letzte ihrer Art in Frankreich, wo Uhren entwickelt und gebaut werden, die in einem Atemzug mit Schweizer Spitzenqualität genannt werden.

Die außergewöhnlichste Kreation? Eine Uhr in den Farben der französischen Republik – blau, weiß, rot – mit Gravuren des Élysée‑Palastes. Sie ist kein schnödes Accessoire. Sie ist Staatsgeschenk, Repräsentation, Symbol. Ein Zeitmesser, der Diplomatie, Kunsthandwerk und Stolz in sich vereint.

„Solche Uhren sind kein Wegwerfprodukt. Sie bleiben ein Leben lang, oft länger – sie werden vererbt“, erklärt Dimitri Vaginet, Ingenieur bei Pequignet.

Und während ich ihm zuhöre, fällt mir auf: Diese Uhren sind nicht nur Luxus. Sie sind Zeugnisse einer Kultur, die Zeit als etwas Wertvolles begreift – nicht als etwas, das man kontrolliert, sondern als etwas, das man ehrt.


Zeit erzählen – und erleben

Im Hoch‑Doubs, in den Werkstätten und hinter den Klosterglocken, in den Familienbetrieben, wo Großvater und Enkel noch gemeinsam schrauben, und in den ehrwürdigen Manufakturen – überall erzählt die Uhrmacherkunst Geschichten:

Geschichten von Geduld.
Von Präzision.
Von der Unendlichkeit eines Augenblicks.

Wie oft sind wir in Eile? Wie oft hetzen wir von Termin zu Termin, ohne den Klang einer Turmuhr zu hören? Hier, in der Franche‑Comté, bewegt sich die Zeit anders. Nicht langsamer – sondern bewusst.

Und ich frage dich zum Schluss:
Wann hast du das letzte Mal wirklich hingehört? Nicht nur mit den Ohren – mit deinem ganzen Körper?

Du wirst überrascht sein, was du hörst.

Ein Reisebericht von V.O.Yager

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