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À la une · 28.09.2025 06:48

Zwischen Rückkehr und Reue: Drei IS-Frauen in Paris verurteilt

Ein Gerichtsurteil erschüttert Frankreich – nicht wegen seiner Schärfe, sondern wegen dessen, was es über Schuld, Gesellschaft und Rückkehr offenlegt. Drei französische Frauen, die jahrelang in Syrien lebten und dem sogenannten Islamischen Staat angehörten,...

Ein Gerichtsurteil erschüttert Frankreich – nicht wegen seiner Schärfe, sondern wegen dessen, was es über Schuld, Gesellschaft und Rückkehr offenlegt. Drei französische Frauen, die jahrelang in Syrien lebten und dem sogenannten Islamischen Staat angehörten, sind in Paris zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Der Prozess war außergewöhnlich. Und er lässt niemanden unberührt.

Dreizehn, elf und zehn Jahre

Die Namen stehen mittlerweile für mehr als nur individuelle Schuld. Christine Allain, 67 Jahre alt, wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Ihre Rolle im Dschihad? Nicht nur ideologisch. Sie war die Mutter und Schwiegermutter zweier hochrangiger IS-Mitglieder – und nach Ansicht der Anklage selbst aktiv in die Strukturen eingebunden.

Jennyfer Clain, 34, erhielt eine Strafe von elf Jahren. Sie ist die Nichte der berüchtigten Brüder Clain, Ikonen der französischsprachigen IS-Propaganda. Auch sie lebte jahrelang in Syrien, auch sie wurde jetzt zur Verantwortung gezogen.

Die dritte, Mayalen Duhart, 42, wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Alle drei Frauen erwartet darüber hinaus eine achtjährige sozialgerichtliche Nachsorge. Ein klares Signal: Der Staat will sie nicht nur bestrafen – er will auch kontrollieren, was nach der Haft geschieht.

Ein außergewöhnlicher Prozess

Warum gerade dieser Fall so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, hat mehrere Gründe. Zum einen die Biografien der Frauen: Familiennetzwerke, die sich kollektiv radikalisierten. Zum anderen die Dauer ihres Aufenthalts in Syrien – rund fünf Jahre. Und nicht zuletzt: Die Kinder.

Denn auch die mitgereisten Minderjährigen wurden inzwischen nach Frankreich zurückgeholt. Einige von ihnen traten als Nebenkläger:innen auf – schwer traumatisiert, entwurzelt, aufgewachsen im Schatten der Gewalt. Psycholog:innen berichteten von seelischen Verwüstungen, aber auch von Hoffnung.

Die Justiz musste entscheiden: Opfer oder Täterinnen? Die Antwort der Anklage war eindeutig. Diese Frauen, so hieß es im Plädoyer, „waren nicht Opfer des Terrors, sondern seine Agentinnen“. Sie hätten ideologisch geprägt, strukturell mitgewirkt und bewusst ihre Kinder in eine Welt der Gewalt geführt.

Das Gericht folgte dieser Linie, zeigte aber Differenzierung: Zwei der drei Strafen blieben unter den Forderungen der Anklage. Kein Freispruch, kein überzogenes Strafmaß – sondern eine juristische Gratwanderung zwischen Gerechtigkeit und politischer Verantwortung.

Eine moralische Zerreißprobe

Doch jenseits des Pariser Gerichtssaals bleibt die größere Frage bestehen: Wie geht eine Gesellschaft mit denen um, die zurückkehren?

Der französische Staat hat lange gezögert, sogenannte „Revenants“ – also Rückkehrer:innen aus Syrien – wieder aufzunehmen. Besonders bei Frauen war die Diskussion von Ambivalenz geprägt: Sind sie Mitläuferinnen oder Täterinnen, manipuliert oder manipulierend?

In diesem Fall hat das Gericht keine mildernden Umstände gelten lassen. Auch das Alter von Christine Allain, inzwischen fast 70 Jahre alt, spielte keine Rolle. Ihre Rolle als „Mamie Kalach“, wie sie von der Presse genannt wurde, galt als Beleg für ihre ideologische Eingebundenheit.

Und doch bleibt die Frage: Was nun? Wie lassen sich Menschen reintegrieren, die in einer totalitären Parallelwelt gelebt haben? Wie schützt man die Gesellschaft – und gleichzeitig die Rechte der Einzelnen?

Mehr als ein Einzelfall

Dieser Prozess war nicht der erste – und er wird nicht der letzte sein. Frankreich hat in den vergangenen Jahren Dutzende IS-Rückkehrer:innen vor Gericht gestellt. Manche erhielten hohe Strafen, andere kamen mit Bewährungsstrafen oder Resozialisierungsprogrammen davon. Vor allem bei Frauen zeigte sich ein breites juristisches Spektrum – abhängig von Beweisen, Verhalten, familiärer Rolle.

Die Politik verfolgt ein doppeltes Ziel: einerseits Abschreckung, andererseits Prävention. Doch zwischen beiden Polen lauert die Gefahr der Beliebigkeit. Und ein Versäumnis ist jetzt schon sichtbar: Die Nachsorgeprogramme sind chronisch unterfinanziert, die Deradikalisierung oft eher Symbolpolitik als reale Perspektive.

Der Fall Allain, Clain und Duhart zeigt: Frankreich ist bereit zu handeln. Aber es muss noch lernen, mit den Folgen umzugehen.

Kein Schlussstrich, sondern ein Anfang

Dieser Schuldspruch ist ein Meilenstein – kein Triumph, kein Tabubruch, sondern ein nüchternes Kapitel in einem komplexen Buch. Die Justiz hat gesprochen. Doch die Gesellschaft muss weiter zuhören.

Denn während die Verurteilten ihre Strafe antreten, stellen sich Fragen, die über das Juristische hinausreichen: Wer darf zurückkehren? Wer bekommt eine zweite Chance? Und – wer entscheidet darüber?

Von C. Hatty

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