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Alle Artikel · 14.10.2025 11:23

Nobelpreisträger Philippe Aghion warnt: Rentenreform stoppen, um Frankreich zu retten?

Ein Vorschlag, der aufhorchen lässt – und polarisiert. Ausgerechnet der frisch gekürte Nobelpreisträger für Wirtschaft, Philippe Aghion, fordert eine sofortige Unterbrechung der umstrittenen Rentenreform in Frankreich. Und das nicht aus ökonomischer, sondern aus zutiefst...

Ein Vorschlag, der aufhorchen lässt – und polarisiert. Ausgerechnet der frisch gekürte Nobelpreisträger für Wirtschaft, Philippe Aghion, fordert eine sofortige Unterbrechung der umstrittenen Rentenreform in Frankreich. Und das nicht aus ökonomischer, sondern aus zutiefst politischer Motivation: Um die Machtübernahme durch den rechtspopulistischen Rassemblement National zu verhindern.

Auf den ersten Blick klingt das paradox. Ein weltweit ausgezeichneter Ökonom plädiert für ein Innehalten bei einer Reform, die langfristig die Staatsfinanzen sichern soll. Doch Aghion denkt weiter. Für ihn steht die politische Stabilität Frankreichs auf dem Spiel – und mit ihr die Zukunft der Demokratie im Land.

Er spricht von einer „interruption d’horloge“, einer Unterbrechung der Rentenuhr. Bedeutet konkret: Das derzeitige Renteneintrittsalter von 62 Jahren und 9 Monaten soll bis zur Präsidentschaftswahl 2027 eingefroren werden. Kein Zurück – aber auch kein Weiter. Die Uhr bleibt stehen.

Was steckt hinter diesem Appell?

Philippe Aghion, der am Vortag den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat, äußerte sich am Dienstagmorgen auf France Inter ungewöhnlich deutlich: „Diese Unterbrechung wird Geld kosten“, sagte er, „aber das ist ein geringer Preis für wirtschaftliche und politische Stabilität.“ Mit anderen Worten: Lieber drei Milliarden Euro Mehrkosten in Kauf nehmen – als das Risiko, dass das politische System aus dem Gleichgewicht gerät.

Denn genau das sieht Aghion kommen, sollte an der Reform in ihrer derzeitigen Form festgehalten werden. Die Gefahr? Ein politisches Erdbeben, das den Weg für den Rassemblement National ebnet. „Ich will nicht, dass der Rassemblement National in Frankreich an die Macht kommt“, so der Ökonom, „und ich will keine politische Instabilität, wie sie eine erneute Vertrauensabstimmung mit sich bringen würde.“

Ein starker Satz. Und ein ungewöhnlich klarer Appell aus dem Munde eines Wissenschaftlers, der sich bislang eher durch wirtschaftspolitische Analysen als durch politische Stellungnahmen hervorgetan hat.

Doch vielleicht ist genau das die Stärke dieses Vorschlags: Er kommt nicht aus Parteitaktik, nicht aus Oppositionsrhetorik, sondern aus dem Kalkül eines Mannes, der ökonomische Zusammenhänge ebenso durchdringt wie politische Konsequenzen.

Die Rentenreform ist seit ihrer Ankündigung unter Präsident Macron ein Zankapfel. Das gesetzliche Rentenalter wird schrittweise auf 64 Jahre angehoben – gegen den Widerstand großer Teile der Bevölkerung und der Gewerkschaften. Die Streiks, die Proteste, die politischen Spannungen: All das hat das Land über Monate hinweg gelähmt. Und die Debatte ist längst nicht vorbei.

Mit dem Regierungswechsel – Sébastien Lecornu ist seit Kurzem Premierminister – steht Frankreich erneut an einem Scheideweg. Lecornus politische Grundsatzrede am Dienstag wird mit Spannung erwartet – insbesondere im Hinblick auf die Rentenfrage. Wird er Aghions Vorschlag aufgreifen? Wird er den Reset-Knopf drücken?

Die Sozialisten haben jedenfalls bereits gefordert, die Reform auszusetzen. Und Aghion hofft, dass sie sich auf seinen Kompromiss einlassen: „Ich hoffe, dass die Sozialisten erkennen, dass das eine große Konzession ist – und sagen: Damit können wir arbeiten.“

Ein politischer Deal, wie er kompromissbereiter kaum gedacht werden kann. Und zugleich eine strategische Absicherung gegen das, was Aghion als größte Gefahr betrachtet: das Erstarken der extremen Rechten durch soziale Unzufriedenheit und politische Verhärtung.

Doch die Reaktionen auf seinen Vorschlag sind gespalten. Drei Milliarden Euro kostet die Unterbrechung laut Schätzungen aus dem Umfeld der Regierung bis 2027. Für manche ist das eine gigantische Summe – für Aghion ein „prix modique“, ein moderater Preis für die Rettung der politischen Stabilität.

Gerade im bürgerlichen und wirtschaftsnahen Lager stößt der Vorschlag auf Widerstand. Auch innerhalb des Regierungslagers gibt es Zweifel: Eine Reform stoppen, nur aus Angst vor dem politischen Gegner? Ist das nicht ein gefährlicher Präzedenzfall?

Oder eben ein notwendiger Schritt, um das Schlimmste zu verhindern?

Es ist eine dieser französischen Debatten, in denen alles auf dem Spiel steht. Ökonomie trifft auf Ideologie. Politisches Kalkül auf moralische Verantwortung. Und irgendwo dazwischen: ein Land, das nicht weiß, wie es mit sich selbst weiter tun soll.

Die Uhr soll stehenbleiben – damit sich Frankreich nicht selbst überholt.

Autor: Andreas M. B.

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