Der "Beauf" – eine Karikatur, die mehr über den Betrachter aussagt als über die Karikierten selbst.
Rose Lamy, eine der prägnantesten Stimmen des zeitgenössischen französischen Feminismus, legt mit ihrem neuen Werk Ascendant Beauf eine Streitschrift vor, die die Diskussionen in Frankreich ordentlich aufmischt. Nach Jahren, in denen sie sexistische Diskurse entlarvt und den "guten Vater" als gesellschaftliches Ideal demontiert hat, nimmt sie sich nun ein anderes Tabu vor: den tief sitzenden Klassenhass – und zwar genau dort, wo man ihn am wenigsten erwartet. In den Reihen der Linken.
Der "Beauf" als Projektionsfläche
Der Begriff "Beauf" – ursprünglich in den 1970er Jahren vom Zeichner Cabu geprägt – steht für einen weißen, ungebildeten, sexistischen, rassistischen Mann aus der Arbeiterklasse. Eine Figur, die angeblich den Rückschritt verkörpert. Doch Rose Lamy fragt: Wer profitiert eigentlich von diesem Bild?
Die Antwort ist so einfach wie unbequem: Die politische Linke. Genauer gesagt, jener Teil der Linken, der sich von seinen eigenen Wurzeln entfremdet hat und sich lieber mit den Codes des Bürgertums schmückt. Anstatt sich solidarisch mit der Arbeiterklasse zu zeigen, grenzt man sich lieber ab – mit einem wohligen Gefühl moralischer Überlegenheit.
Ein "armer Trottel", der die falschen Sachen sagt, das falsche Bier trinkt und die falsche Musik hört – so einfach lässt sich der "Beauf" abwerten. Und schon fühlt sich das akademische Milieu ein Stück besser. Ist das nicht ein bisschen billig?
Persönliche Wurzeln in der "Diagonale des Nichts"
Lamy selbst weiß, wovon sie spricht. Sie stammt aus der sogenannten "diagonale du vide", jenen wirtschaftlich abgehängten Regionen Frankreichs, die oft vergessen werden, wenn es um Kultur und Politik geht. Ihr beruflicher Weg führte sie von Callcentern über Jobs bei der Bahn bis hin zur erfolgreichen Autorin – doch der Preis dafür war hoch.
Immer wieder stieß sie auf das Misstrauen und die Arroganz der kulturellen Eliten. Sie beschreibt, wie sie anfangs versuchte, ihre "beaufesken" Eigenheiten zu verstecken: die Art, wie sie spricht, worüber sie lacht, was sie konsumiert. Bis sie begriff: Das ist nichts, was man verstecken muss. Im Gegenteil – es ist ein Teil ihrer Identität.
Ein bisschen fühlt sich das an wie ein Coming-out. Nur dass es nicht um Sexualität geht, sondern um soziale Herkunft. Und wer schon mal versucht hat, seinen Background zu verleugnen, weiß, wie schwer das wiegt.
Klassenverachtung unter dem Deckmantel der Kultur
Ein besonders spannendes Kapitel widmet Lamy der Popkultur – genauer gesagt, ihrer "Veredlung" durch das Bürgertum. Musikstile, Modetrends, Sprache – alles, was einst der Arbeiterklasse gehörte, wird irgendwann von der Mittel- und Oberschicht übernommen, neu verpackt und als cool verkauft.
Der Clou dabei: Während bestimmte kulturelle Codes adaptiert werden, bleibt der Blick auf die ursprünglichen Träger dieser Kultur herablassend. Der Name Kevin oder Kimberley? Lächerlich! Der Musikgeschmack? Geschmacklos! Das bleibt selbst dann so, wenn das gleiche Lied auf einem schicken Festival plötzlich als edgy durchgeht.
Da drängt sich die Frage auf: Wer ist hier eigentlich rückständig?
Der blinde Fleck der Linken
Lamy kritisiert genau diesen Mechanismus. Eine Linke, die für soziale Gerechtigkeit kämpft, aber gleichzeitig die Lebensweise der Arbeiterklasse verspottet – das ist ein Widerspruch, der kaum auszuhalten ist. Und doch wird er tagtäglich reproduziert.
Ob absichtlich oder unbewusst – das ist letztlich egal. Das Resultat ist eine tiefe Spaltung zwischen den politischen Eliten und den Menschen, deren Interessen sie angeblich vertreten. Wer versteht die Sorgen und Hoffnungen eines Arbeiters, wenn dessen Alltag nur noch Stoff für Satireprogramme ist?
Eine rhetorische Frage, aber eine, die sitzt.
Einladung zur Selbstkritik
Ascendant Beauf ist kein bequemer Text. Er kratzt an der Selbstwahrnehmung einer Linken, die sich gern als Hüterin von Freiheit und Gleichheit sieht, aber selbst mit Vorurteilen kämpft. Lamy fordert ein Ende dieser Doppelstandards. Sie ruft dazu auf, sich der eigenen Vorurteile bewusst zu werden – und sie endlich abzubauen.
Das bedeutet auch: wieder zuzuhören. Ehrlich und ohne Arroganz. Das Buch ist eine Einladung, sich mit Menschen zu solidarisieren, die vielleicht andere Worte benutzen, andere Musik hören oder andere Klamotten tragen – aber die gleichen Rechte verdienen.
Ein erfrischender Weckruf
Ascendant Beauf ist mehr als nur ein Buch über Klassismus. Es ist ein Aufruf, den Diskurs neu zu denken – und ihn endlich wieder mit der Realität vieler Menschen abzugleichen. Wer also bereit ist, sich selbst und die eigene politische Blase zu hinterfragen, findet hier reichlich Stoff zum Nachdenken.
Von Andreas M. Brucker