Wer an den roten Teppich von Cannes denkt, hat sofort glamouröse Bilder im Kopf – Stars, Blitzlichtgewitter, glitzernde Roben. Doch wer ganz genau hinschaut, entdeckt am Rand dieses Spektakels eine ungewöhnliche Truppe, die sich ihren ganz eigenen Platz in der Festivalgeschichte gesichert hat: die „Gang des Escabeaux“ – oder auf gut Deutsch: die „Gang der Trittleitern“.
Diese Gruppe ist legendär. Und das nicht nur wegen ihrer erhöhten Sitzposition.
Leidenschaft mit Aussicht
Seit über 35 Jahren campieren sie am Boulevard de la Croisette – bewaffnet mit Trittleitern, Klappstühlen und einem langen Atem. Der Plan? Früh aufstehen, sich einen strategisch günstigen Platz gegenüber dem Festivalpalast sichern, die Leiter festketten – und dann: warten. Stundenlang. Tagelang.
Aber warum das alles? Ganz einfach: Um einen flüchtigen Blick auf die ganz Großen des Kinos zu erhaschen – Cate Blanchett, Leonardo DiCaprio, Natalie Portman, Tom Cruise. Oder wenigstens ein Lächeln, ein Selfie oder, mit ganz viel Glück, ein Autogramm.
Die „Gang des Escabeaux“ besteht aus echten Filmverrückten – Sammler, Nostalgiker, Autogrammjäger. Und ihr Ritual ist längst Teil des Festivals geworden wie das Filmprogramm selbst.
Organisierter Wahnsinn
Die Bezeichnung „Gang“ mag nach Untergrundbewegung klingen – in Wahrheit geht es bei dieser Truppe gesittet und erstaunlich strukturiert zu. Jeder kennt seinen Platz, viele sichern ihn mit Schlössern. Einige reisen mit mehrtägigem Proviant an, andere bringen Campingausrüstung mit, als würden sie auf ein Musikfestival fahren.
Und obwohl neue Gesichter dazustoßen, sind viele Mitglieder alte Hasen. Man kennt sich. Manche haben sich in Cannes kennengelernt, andere verbringen hier ihre Ferien, jedes Jahr. Fast wie ein großes Familientreffen – nur mit Blick auf Hollywood.
2023 zählte man über 120 Mitglieder dieser Truppe. Das zeigt nicht nur, wie beliebt das Festival ist – sondern auch, wie anziehend diese Community auf Gleichgesinnte wirkt. Die Trittleiter wird dabei fast zum Symbol für Durchhaltevermögen und Kinoliebe.
Kleine Momente, große Emotionen
Es sind oft winzige Augenblicke, die all das Warten rechtfertigen. Ein Nicken von Martin Scorsese. Ein kurzes „Merci“ von Marion Cotillard. Ein gemeinsames Foto mit einem aufstrebenden Star, der vielleicht in ein paar Jahren den Oscar gewinnt.
Diese Erlebnisse vergisst man nicht. Und sie sind genau der Grund, warum sich die „Gang“ immer wieder neu formiert – voller Hingabe, Begeisterung und einer fast kindlichen Vorfreude.
Was ist schon ein Netflix-Abend auf dem Sofa gegen eine echte Begegnung mit dem Lieblingsschauspieler?
Teil des Festivals
Die Medien haben die „Gang des Escabeaux“ längst entdeckt. Regelmäßig berichten Sender wie BFMTV oder VICE über diese kuriose und gleichzeitig liebenswerte Erscheinung am Rande des Glamours. Denn dieser „Fan-Club mit Aussicht“ zeigt etwas, das in all dem Blitzlicht manchmal untergeht: Dass es beim Film nicht nur um Stars geht – sondern um die Menschen, die ihn lieben.
Sie sind keine VIPs, keine geladenen Gäste – aber sie bringen Herzblut, Geschichte und eine Prise Verrücktheit mit. Und damit tragen sie genauso zur Magie von Cannes bei wie die Filme selbst.
Denn wenn eines sicher ist, dann das: Wo es Kinoträume gibt, da ist die „Gang des Escabeaux“ nicht weit.
Von Andreas M. Brucker