Frankreich

Kommentar: Erst fliegt das Dach weg, dann kommt die Versicherung – herzlich willkommen im Katastrophenmanagement

Es gibt vermutlich angenehmere Momente im Leben, um seine Versicherungsbedingungen kennenzulernen. Zum Beispiel nie. In Pomas allerdings bleibt vielen Menschen diese Bekanntschaft nicht erspart. Am 24. August fegte ein außergewöhnlich heftiger Tornado durch die kleine Gemeinde im Département Aude. Wenige Minuten reichten aus, um aus Häusern Ruinen, aus Gärten Trümmerfelder und aus einem gewöhnlichen Montagnachmittag…

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Es gibt vermutlich angenehmere Momente im Leben, um seine Versicherungsbedingungen kennenzulernen.

Zum Beispiel nie.

In Pomas allerdings bleibt vielen Menschen diese Bekanntschaft nicht erspart. Am 24. August fegte ein außergewöhnlich heftiger Tornado durch die kleine Gemeinde im Département Aude. Wenige Minuten reichten aus, um aus Häusern Ruinen, aus Gärten Trümmerfelder und aus einem gewöhnlichen Montagnachmittag eine Katastrophe zu machen.

Rund 300 von etwa 500 Häusern wurden beschädigt, ungefähr 100 könnten vorerst oder dauerhaft unbewohnbar sein. Menschen wurden verletzt, Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt, Fahrzeuge herumgeschleudert.

Windgeschwindigkeiten von möglicherweise 200 Kilometern pro Stunde oder mehr.

Das schafft Tatsachen.

Danach beginnt die Bürokratie.

Und die besitzt bekanntlich einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Tornado: Sie hält wesentlich länger durch.

Besonders hübsch – sofern man in dieser Tragödie überhaupt etwas „hübsch“ nennen möchte – klingt jene Schilderung eines Betroffenen, wonach für bestimmte unmittelbare Leistungen zunächst 360 Euro pro Person angeboten worden seien.

360 Euro.

Da möchte man fast applaudieren. Nicht zu laut natürlich, sonst fliegt womöglich die Plane vom Dach.

Fairerweise gehört zur Wahrheit: Diese Summe bedeutet nicht automatisch, dass ein zerstörtes Haus mit 360 Euro abgegolten werden soll. Gebäudeschäden, Hausrat, Fahrzeuge, Unterbringung und andere Kosten folgen unterschiedlichen Regelungen. Die endgültigen Entschädigungen stehen erst nach Prüfung der Schäden und Verträge fest.

Nur wirkt diese versicherungsrechtliche Präzision vermutlich etwas weniger beruhigend, wenn man gerade zwischen den Resten seines Wohnzimmers steht.

Ein Bewohner namens André schätzt seinen Gesamtschaden auf 300.000 bis 400.000 Euro. Sein Haus müsse nach seiner Einschätzung abgerissen und neu gebaut werden.

300.000 bis 400.000 Euro Schaden.

Und irgendwo beginnt nun eine Akte.

Aktenzeichen bitte gut aufbewahren.

Das Haus ist zwar weg, aber verlieren Sie bloß nicht das Aktenzeichen.

So beginnt nach vielen Katastrophen jene seltsame Parallelwelt, in der Menschen plötzlich beweisen sollen, was gestern noch selbstverständlich existierte. Der Schrank. Der Fernseher. Die Dachkonstruktion. Das Fenster. Die Gartenmöbel. Das Auto. Die persönlichen Gegenstände.

Rechnung vorhanden?

Foto vorhanden?

Kaufdatum?

Zeitwert?

Wiederbeschaffungswert?

Schaden unmittelbar durch Wind oder anschließend durch Regen?

Man möchte antworten: Entschuldigung, der Tornado hat beim Eintreten leider keinen Schadensbericht ausgefüllt.

Genau hier liegt das Problem.

Natürlich müssen Versicherungen prüfen. Niemand erwartet, dass ein Sachbearbeiter nach einem kurzen Telefonat 350.000 Euro mit dem Vermerk „wird schon stimmen“ überweist. Versicherungen verwalten das Geld ihrer Versichertengemeinschaft, Betrug existiert, Schäden müssen nachvollziehbar ermittelt werden.

Geschenkt.

Doch ein Versicherungssystem beweist seine Qualität nicht an einem sonnigen Dienstag, wenn der Beitrag pünktlich vom Konto abgebucht wird.

Es beweist sie, wenn das Dach fehlt.

Jahrelang funktioniert das Verhältnis nämlich herrlich unkompliziert. Die Versicherung zieht Geld ein, der Kunde liefert es. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

Kein Gutachter erscheint und fragt misstrauisch: „Sind Sie wirklich sicher, dass Sie diesen Beitrag zahlen möchten? Haben Sie dafür Beweise? Können Sie bitte drei Kostenvoranschläge einreichen?“

Nein.

Das klappt erstaunlich reibungslos.

Erst wenn sich die Richtung des Geldflusses umkehrt, entdeckt das System seine Liebe zur Detailprüfung.

Ein Schelm, wer darin eine gewisse Komik erkennt.

In Frankreich kommt noch eine sprachlich-juristische Delikatesse hinzu. Ein Tornado muss nicht zwingend als „catastrophe naturelle“ anerkannt sein, damit Windschäden reguliert werden. Viele Gebäudeversicherungen enthalten eine „garantie tempête“, unter die typische Sturmschäden fallen.

Das ist fachlich relevant.

Emotional ungefähr so tröstlich wie der Hinweis, dass der Fachbegriff für das Loch im Dach korrekt angewendet wurde.

Während Juristen, Gutachter und Versicherer Schadensursachen auseinandernehmen, sitzen in Pomas Menschen unter Planen. Manche können nicht zurück in ihre Häuser. Andere wohnen bei Freunden oder Verwandten. Einsatzkräfte prüfen Gebäude, Helfer räumen Trümmer weg, die beschädigte Schule zwingt die Gemeinde zu Ausweichlösungen.

Das echte Leben wartet nämlich nicht auf die Schadenregulierung.

Der Handwerker möchte bezahlt werden. Eine Ersatzwohnung kostet Geld. Kleidung muss gekauft werden. Möbel fehlen. Autos sind beschädigt. Kinder müssen zur Schule. Kredite laufen weiter.

Die monatliche Rate für ein zerstörtes Haus entwickelt erstaunlicherweise keine menschlichen Gefühle.

Sie kommt.

Pünktlich.

Gerade deshalb trägt die Versicherungswirtschaft jetzt eine enorme Verantwortung. Nicht weil jeder geforderte Betrag ungeprüft überwiesen werden müsste. Sondern weil Geschwindigkeit, Transparenz und vernünftige Vorschüsse nach einer Katastrophe darüber entscheiden, ob aus einem materiellen Schaden eine soziale Katastrophe entsteht.

Wer Menschen jetzt wochenlang durch Hotlines schickt, Zuständigkeiten weiterreicht und bei jedem Formular einen neuen Nachweis verlangt, spart vielleicht Geld.

Aber er produziert etwas anderes: Wut.

Und diese Wut wäre verständlich.

Denn eine Versicherung verkauft letztlich kein Papier.

Sie verkauft Sicherheit.

Das ist ihr Produkt.

Niemand schließt begeistert eine Wohngebäudeversicherung ab, weil Versicherungsbedingungen so aufregende Abendlektüre bieten. Niemand sitzt mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa und sagt: „Schatz, heute lesen wir Abschnitt 14.3 über Ausschlüsse bei meteorologischen Ereignissen.“

Menschen versichern ihr Haus aus einem einfachen Grund.

Falls etwas passiert.

Nun ist etwas passiert.

Also Bühne frei.

In Pomas zeigt sich jetzt, ob die jahrzehntelang bezahlte Sicherheit tatsächlich Sicherheit war – oder hauptsächlich ein sehr erfolgreiches Versprechen für Tage, an denen nichts passiert.

Die Bewohner selbst erleben derweil eine andere Form von Versicherung: Nachbarn helfen einander. Feuerwehrleute sichern Gebäude. Freiwillige räumen auf. Familien nehmen Betroffene auf. Hilfsorganisationen springen ein. Für beschädigte öffentliche Einrichtungen wurde ein Solidaritätsfonds aktiviert.

Merkwürdig.

Diejenigen mit den wenigsten Vertragsklauseln scheinen oft am schnellsten zu verstehen, was gerade gebraucht wird.

Eine Leiter.

Eine Plane.

Ein Bett.

Eine helfende Hand.

Manchmal ist Katastrophenhilfe erstaunlich simpel.

Natürlich lässt sich ein Schaden von mehreren hunderttausend Euro nicht mit Nachbarschaftshilfe lösen. Genau deshalb existieren Versicherungen. Sie sollen den finanziellen Absturz verhindern, wenn das Unvorstellbare plötzlich Realität wird.

Pomas braucht deshalb jetzt keine freundlichen Werbeslogans über Vertrauen, Nähe und Sicherheit.

Bitte nicht.

Davon lässt sich kein Dach decken.

Das Dorf braucht faire Gutachten, schnelle Entscheidungen, angemessene Vorschüsse und Versicherer, die begreifen, dass hinter jeder Schadennummer ein Mensch steht, dessen bisheriges Leben möglicherweise innerhalb weniger Minuten zerlegt wurde.

Vielleicht sollte jeder Sachbearbeiter, der über solche Fälle entscheidet, einmal durch Pomas gehen.

Nicht durch eine Excel-Tabelle.

Durch Pomas.

An den zerstörten Häusern vorbei. Unter den Planen hindurch. Zu den Familien, die nicht wissen, wann sie zurückkehren können.

Danach darf gerechnet werden.

Denn der Tornado war brutal genug.

Es wäre eine ziemlich bittere Pointe, wenn die Menschen anschließend feststellen müssten, dass der Wind zwar ihr Dach mitgenommen hat – aber erst die Schadenregulierung ihnen den letzten Nerv raubt.

Der Tornado brauchte dafür wenige Minuten.

Mal sehen, wie lange der Papiersturm dauert.

Daniel Ivers

Ende des Artikels