Frankreich steht vor einer bemerkenswerten politischen Entdeckung: Wenn man ein Problem lange genug ignoriert, verschwindet es nicht. Es wird Präsidentin. Oder Präsident.
Der Satz stammt natürlich nicht aus einem Lehrbuch der Politikwissenschaft. Aber er könnte irgendwann als Kurzfassung jener Jahre dienen, in denen Frankreichs politische Mitte zusah, wie der Rassemblement national vom politischen Schmuddelkind zum Favoriten auf den Élysée-Palast wurde.
William Thay, Präsident des gaullistischen Think-Tanks Le Millénaire, fasst die Lage mit bemerkenswerter Nüchternheit zusammen: «Jamais le RN n'a enregistré de tels scores dans les sondages.» Auf Deutsch: Noch nie hat der RN in den Umfragen derart hohe Werte erreicht.
Und tatsächlich: Das ist keine rhetorische Übertreibung.
Ipsos BVA ermittelte im Juni für die Präsidentschaftswahl 2027 je nach Konstellation 31 bis 36 Prozent für Marine Le Pen beziehungsweise Jordan Bardella. Ifop sah Bardella bereits im Februar bei 36 Prozent, zwanzig Punkte vor Édouard Philippe. Nach Marine Le Pens Kandidaturerklärung im Juli maß Ifop auch sie bei 36 Prozent. OpinionWay kam im Juni auf 33 bis 35 Prozent für einen RN-Kandidaten.
Das sind keine Messfehler mehr. Das ist eine politische Landschaft.
Die Republik entdeckt plötzlich die Republik
Natürlich beginnt jetzt wieder das große französische Ritual.
Man wird warnen.
Man wird appellieren.
Man wird zur Verteidigung der Republik aufrufen.
Man wird erklären, dass eine Wahl des RN eine historische Zäsur wäre.
Und vermutlich wird man dabei vergessen zu erwähnen, dass historische Zäsuren die lästige Eigenschaft haben, eine Vorgeschichte zu besitzen.
Der Aufstieg des RN ist schließlich nicht gestern Nachmittag zwischen Café und Apéritif vom Himmel gefallen. Marine Le Pen erreichte bereits 2017 die Stichwahl. 2022 kam sie wieder hinein und erhielt dort gut 41 Prozent. Bei der Europawahl 2024 wurde der RN mit 31,4 Prozent stärkste französische Kraft. Emmanuel Macron reagierte darauf mit der Auflösung der Nationalversammlung.
Man könnte sagen: Frankreich bekam mehrere Warnschüsse.
Die politische Klasse interpretierte sie offenbar als Startsignal.
Seitdem wird diskutiert, taktiert, koaliert, nicht koaliert, abgegrenzt, wieder angenähert, eine Regierung gebildet, eine Regierung bekämpft und anschließend darüber geklagt, dass die Franzosen das Vertrauen in die Politik verlieren.
Eine geradezu verblüffende Entwicklung.
Macron wollte die Extreme austrocknen
Emmanuel Macron war 2017 mit einem geradezu napoleonischen politischen Versprechen angetreten: Die alte Links-rechts-Ordnung sollte überwunden werden.
Das funktionierte ausgezeichnet.
Die alte Ordnung wurde tatsächlich überwunden.
Nur entstand an ihrer Stelle nicht das erhoffte stabile liberale Zentrum, sondern eine politische Landschaft, in der links Jean-Luc Mélenchon und rechts der RN gedeihen, während die traditionelle Regierungsmitte zunehmend aussieht wie eine Eigentümerversammlung nach einem Rohrbruch.
Macron hatte Sozialisten und Republikaner politisch kannibalisiert. Viele ihrer moderaten Wähler sammelte er in einem großen Zentrum.
Das Problem dieser Konstruktion zeigte sich erst später: Ein politisches Zentrum, das fast vollständig um einen Präsidenten herum organisiert ist, besitzt ein eingebautes Verfallsdatum.
Und dieses Datum heißt 2027.
Macron darf nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut antreten. Was von seinem politischen Lager übrig bleibt, muss nun herausfinden, ob Macronismus ohne Macron ungefähr so gut funktioniert wie Gaullismus ohne de Gaulle.
Die ersten Feldversuche sind überschaubar ermutigend.
Édouard Philippe, Gabriel Attal und andere Vertreter des Zentrums konkurrieren um dasselbe politische Erbe. In aktuellen Erhebungen liegt Philippe zwar vor seinen zentristischen Konkurrenten, aber deutlich hinter dem RN. Ipsos sah ihn je nach Konstellation bei 13 bis 19 Prozent, während der RN 31 bis 36 Prozent erreichte.
Das ist kein Abstand.
Das ist eine Postleitzahl.
Und nun kopieren alle das Original
Besonders faszinierend ist die Reaktion der politischen Konkurrenz.
Wenn eine Partei wegen Migration, innerer Sicherheit und Identitätsfragen immer stärker wird, gäbe es theoretisch zwei Möglichkeiten.
Man könnte ihre Diagnose grundsätzlich bestreiten.
Oder man könnte die Probleme anerkennen und eigene glaubwürdige Lösungen entwickeln.
Frankreich hat eine dritte Möglichkeit entdeckt: Man übernimmt möglichst viel von der Sprache des RN und hofft gleichzeitig, dass niemand den RN wählt.
Selbst Vertreter des politischen Zentrums verschärfen inzwischen ihre migrationspolitische Rhetorik. Édouard Philippe und Gabriel Attal haben im Vorfeld der Wahl 2027 deutlich restriktivere Positionen formuliert; Philippe fordert unter anderem einen europäischen Mechanismus gegen groß angelegte Regularisierungen illegal Eingewanderter, Attal spricht über Quoten und Verfassungsänderungen.
Die Botschaft an den Bürger lautet damit ungefähr:
Der RN übertreibt maßlos.
Aber leider hat er mit einigen Problemen recht.
Seine Lösungen sind gefährlich.
Deshalb übernehmen wir vorsichtshalber einen Teil davon.
Aber bitte wählen Sie trotzdem uns.
Marketingexperten würden von einer schwierigen Markenstrategie sprechen.
Der Front républicain ist müde geworden
Jahrzehntelang besaß Frankreich einen politischen Notausgang: den front républicain.
Wenn der Front national beziehungsweise später der RN einer Machtposition gefährlich nahekam, stellten sich andere Parteien im entscheidenden Moment gegen ihn.
Das berühmteste Beispiel war 2002.
Jean-Marie Le Pen erreichte überraschend die Stichwahl gegen Jacques Chirac. Frankreich reagierte mit einer republikanischen Mobilmachung. Chirac gewann mit 82,2 Prozent.
Das war vor 24 Jahren.
Politisch betrachtet könnte es auch das Pleistozän gewesen sein.
Heute funktioniert dieser Mechanismus immer schlechter. Das liegt nicht nur daran, dass der RN seine Außendarstellung systematisch normalisiert hat. Es liegt auch daran, dass sich die politischen Lager gegenseitig inzwischen teilweise für ebenso gefährlich halten wie den RN.
Rechte Wähler wollen keinen Kandidaten der radikalen Linken unterstützen. Linke Wähler sehen wiederum wenig Grund, einem konservativen oder macronistischen Kandidaten automatisch ihre Stimme zu geben.
Das republikanische Bollwerk steht also noch.
Nur fehlen inzwischen ein paar Mauern.
Marine Le Pen musste gar nicht gemäßigt werden
Besonders erfolgreich war die sogenannte dédiabolisation, die Entdämonisierung des RN.
Marine Le Pen musste dafür keineswegs plötzlich zur liberalen Europäerin werden.
Es genügte, weniger erschreckend zu wirken als früher.
Keine besonders hohe Hürde, wenn der Vergleichsmaßstab Jean-Marie Le Pen heißt.
Der RN tauschte Provokationen gegen Professionalität, politische Außenseiter gegen Abgeordnete, Radikalität in der Verpackung gegen staatstragende Fernsehbilder. Jordan Bardella perfektionierte diese Strategie weiter: jung, diszipliniert, medientauglich, selten aus der Ruhe zu bringen.
Die eigentliche Leistung des RN besteht inzwischen darin, gleichzeitig Protestpartei und etablierte Machtpartei spielen zu können.
Man ist gegen «das System» – und verfügt über eine große Fraktion in der Nationalversammlung.
Man bekämpft die politische Elite – und sitzt seit Jahren im Europäischen Parlament.
Man inszeniert sich als rebellische Alternative – und bereitet sich sehr professionell auf die Übernahme der Präsidentschaft vor.
Revolution mit Spesenabrechnung.
Vielleicht liegt es doch nicht nur am RN
Die bequemste Erklärung für den Aufstieg des RN lautet, Frankreich sei nach rechts gerückt.
Das ist nicht völlig falsch.
Aber es ist zu einfach.
Denn Parteien wachsen nicht nur aufgrund ihrer eigenen Stärke. Sie wachsen auch aufgrund der Schwäche ihrer Gegner.
Die französische Linke bleibt tief gespalten. Jean-Luc Mélenchon, Raphaël Glucksmann, Sozialisten, Grüne und Kommunisten konkurrieren um unterschiedliche Strategien und Wählerschichten. Le Monde beschreibt das Feld für 2027 weiterhin als fragmentiert; zugleich ringt das politische Zentrum um Macrons Nachfolge.
Damit entsteht eine eigentümliche Situation.
Der RN braucht womöglich gar keine absolute gesellschaftliche Mehrheit.
Er benötigt nur genügend Stimmen in einem Land, dessen politische Konkurrenz sich zuverlässig selbst zerlegt.
Das ist demokratisch vollkommen legitim.
Und politisch ziemlich effizient.
Aber es sind doch nur Umfragen!
Natürlich.
Dieser Satz darf nicht fehlen.
Umfragen sind Momentaufnahmen. Kandidaturen können sich verändern. Wahlkämpfe können Dynamiken erzeugen. Skandale, wirtschaftliche Entwicklungen, internationale Krisen und die Wahlbeteiligung können Prognosen innerhalb weniger Monate zerlegen.
Le Monde hat historische Präsidentschaftsumfragen untersucht und darauf hingewiesen, wie unzuverlässig insbesondere Stichwahlprognosen ein Jahr vor französischen Präsidentschaftswahlen sein können.
Wer also heute behauptet, Marine Le Pen werde 2027 sicher Präsidentin, betreibt Kaffeesatzleserei mit Prozentzeichen.
Doch genauso unseriös wäre die gegenteilige Beruhigung.
Denn wenn mehrere Institute über Monate hinweg einen RN-Kandidaten bei ungefähr einem Drittel der Stimmen sehen und der Abstand zur Konkurrenz teilweise enorm ist, kann man das nicht mehr mit einem höflichen «C'est un sondage» vom Tisch wischen.
Die Frage lautet längst nicht mehr:
Kann der RN 2027 gewinnen?
Die Frage lautet:
Wer kann ihn noch schlagen – und womit?
Und genau an dieser Stelle wird es für Frankreich unangenehm.
Denn gegen eine Protestpartei kann man mobilisieren.
Gegen eine radikale Partei kann man eine republikanische Front errichten.
Gegen eine Außenseiterpartei kann man auf Regierungserfahrung verweisen.
Was aber tut man gegen eine Partei, die Millionen Franzosen inzwischen nicht mehr als Protest, sondern als mögliche Regierung betrachten?
Vielleicht wäre es eine Idee, wieder Politik zu machen.
Nicht TikTok-Politik. Nicht Empörungspolitik. Nicht jene Politik, bei der morgens ein Problem geleugnet, mittags eine Kommission eingesetzt und abends erklärt wird, man habe die Sorgen der Bevölkerung schon immer sehr ernst genommen.
Politik also, bei der der Staat funktioniert.
Bei der Haushaltszahlen nicht nur unangenehme Fußnoten europäischer Verträge sind. Bei der Migration weder als eingebildetes Problem noch als Untergang des Abendlandes behandelt wird. Bei der innere Sicherheit keine rhetorische Disziplin für Fernsehstudios ist. Bei der gesellschaftliche Integration eingefordert und ermöglicht wird. Und bei der politische Parteien den Bürger nicht erst am Wahlabend entdecken.
William Thays Satz über die historischen Umfragewerte des RN ist deshalb weniger eine Nachricht über Marine Le Pen oder Jordan Bardella.
Er ist eine Nachricht über Frankreichs übrige Parteien.
Noch nie war der RN so stark.
Aber vielleicht lautet die politisch interessantere Feststellung:
Noch nie waren diejenigen, die ihn verhindern wollen, so ratlos darüber, warum er eigentlich so stark geworden ist.
Und so fährt Frankreich Richtung 2027.
Links streitet darüber, wer links genug ist.
Das Zentrum streitet darüber, wer Macron beerben darf.
Die traditionelle Rechte streitet darüber, wie viel RN man übernehmen kann, ohne RN zu heißen.
Und der RN?
Der muss im Augenblick vor allem eines tun:
zuschauen.
Die Reise geht weiter.
Nur sollte sich Frankreich langsam erkundigen, wer eigentlich den Fahrplan geschrieben hat.
Andreas M. Brucker