Paris – 16.07.2026: Fast sechs Wochen nach dem Start einer außergewöhnlichen Überprüfung von Verfahren wegen sexueller Gewalt an Minderjährigen zieht Frankreichs Justiz eine erste ernste Bilanz. Nach Angaben von Justizminister Gérald Darmanin wurden seit Anfang Juni 675 Menschen inhaftiert. Zugleich stießen die Staatsanwaltschaften auf rund 15.000 zusätzliche Anzeigen, die in der ursprünglichen Bestandsaufnahme noch nicht enthalten waren.
Auslöser der landesweiten Prüfung war der Fall der elfjährigen Lyhanna. Ihr Tod hatte Ende Mai Fragen nach dem Umgang von Polizei und Justiz mit früheren Hinweisen gegen einen Tatverdächtigen aufgeworfen. Die zuständigen Inspektionen hatten in einem Vorbericht Mängel bei der Bearbeitung der damaligen Verfahren beschrieben. Eine endgültige Bewertung der individuellen Verantwortlichkeiten steht weiter aus.
Darmanin hatte die 36 Generalstaatsanwälte am 7. Juni angewiesen, alle damals bekannten rund 70.000 offenen Anzeigen und Verfahren mit sexuellem Bezug zu Minderjährigen bis zum 14. Juli erneut zu sichten. Die Frist sollte keine Ermittlungen abschließen, sondern sicherstellen, dass besonders dringliche Vorgänge erkannt und unverzüglich bearbeitet werden. Die nun zusätzlich erfassten 15.000 Anzeigen erhöhen den Umfang der Prüfung auf annähernd 85.000 Fälle.
Hinter jeder Zahl stehen unterschiedliche Verfahrenslagen: Anzeigen, bei denen noch Ermittlungen ausstehen, Akten mit neuen Hinweisen oder Vorgänge, deren Dringlichkeit neu bewertet wurde. Eine Inhaftierung bedeutet dabei weder eine Verurteilung noch einen Beweis der Schuld. Sie kann je nach Fall Untersuchungshaft oder die Vollstreckung einer richterlichen Entscheidung betreffen. Zu einzelnen Beschuldigten nannte das Justizministerium keine Angaben.
Nach Medienberichten wurden 970 Akten als besonders vordringlich eingestuft. Für die Ermittler und Staatsanwälte geht es dabei vor allem darum, mögliche Gefährdungen von Kindern schnell zu prüfen, Beweise zu sichern und Betroffene zu schützen. Die Überprüfung legt zugleich offen, wie schwer es ist, Verfahren mit oft komplexen Aussagen, Gutachten und digitalen Spuren unter erheblichem Zeitdruck zu bearbeiten.
Der Fall Lyhanna hat die Debatte über Personal, Arbeitsabläufe und die Zusammenarbeit von Polizei, Gendarmerie und Justiz neu entfacht. Der Senat setzte bereits im Juni eine Informationsmission zu Steuerung und möglichen Fehlfunktionen der Strafverfolgung in Gang. Der offizielle Vorbericht zur Affäre verweist zudem auf hohe Fallzahlen bei sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige im Zuständigkeitsbereich von Toulouse.
Die jetzt vorgelegten Zahlen sind deshalb mehr als eine Zwischenbilanz. Sie zeigen, dass die angeordnete Durchsicht nicht nur alte Akten sortiert, sondern bislang nicht erfasste Vorgänge sichtbar macht. Ob daraus dauerhaft schnellere und verlässlichere Verfahren entstehen, wird sich erst an den weiteren Ermittlungen, gerichtlichen Entscheidungen und den angekündigten Konsequenzen für die Justiz messen lassen.
Quellen
- Franceinfo
- Ministerium der Justiz
- TF1 Info
- Senat
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).