À la une · 26.01.2026 14:46
„Résister“ gegen den Rechtsruck: Salomé Saqués Essay trifft einen Nerv der Zeit
Der Aufstieg der radikalen Rechten in Frankreich ist längst kein Randphänomen mehr. Dass ein politischer Essay mit kämpferischem Ton landesweit Hunderttausende Leser erreicht, ist dennoch bemerkenswert – besonders wenn er von einer jungen Journalistin...
Der Aufstieg der radikalen Rechten in Frankreich ist längst kein Randphänomen mehr. Dass ein politischer Essay mit kämpferischem Ton landesweit Hunderttausende Leser erreicht, ist dennoch bemerkenswert – besonders wenn er von einer jungen Journalistin verfasst wurde, die bislang vor allem digital engagiert war. Salomé Saqués Résister, ein Manifest gegen die extreme Rechte, hat sich seit seinem Erscheinen im Oktober 2024 zu einem unerwarteten Bestseller entwickelt. Mehr als 400.000 verkaufte Exemplare, 65 Wochen ununterbrochen in der Bestsellerliste des L’Express – nun erscheint das Buch in einer erweiterten Neuausgabe. Der Zeitpunkt ist politisch wie symbolisch aufgeladen.
Zwischen Essay und Appell
Mit Résister legt Saqué keine wissenschaftliche Analyse vor, sondern einen eindringlichen Appell. Ihr Text versteht sich als Akt der zivilgesellschaftlichen Mobilmachung. Die Journalistin, die unter anderem für das Investigativportal Blast tätig ist, schildert darin die Mechanismen und Strategien, mit denen rechtsextreme Ideologien zunehmend in den gesellschaftlichen Mainstream einsickern. Ihr Ziel: aufrütteln, informieren, zur Gegenwehr aufrufen.
Die zentrale These des Buches ist einfach, aber kraftvoll: Der Aufstieg des Rassemblement National (RN) sei kein Naturgesetz, sondern Resultat kollektiver Lethargie, politischer Fehlentscheidungen und einer geschwächten republikanischen Abwehrfront. Die Autorin richtet sich dabei insbesondere an junge Leser, denen sie eine zentrale Rolle in der demokratischen Erneuerung zuschreibt.
Aktualisierte Auflage mit Blick auf das Superwahljahr 2025
Die neue Ausgabe von Résister, die am 28. Januar 2026 erscheint, wurde um zentrale Entwicklungen aus dem vergangenen Jahr ergänzt. Im Fokus stehen das weitere Erodieren des sogenannten front républicain – also jenes parteiübergreifenden Bündnisses, das sich traditionell gegen den RN stellte – sowie die internationale Lage nach der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus.
Diese geopolitische Verschiebung, so Saqué, habe auch in Europa rechtspopulistische Kräfte gestärkt. In Frankreich manifestiere sich dies in einer Normalisierung rechtsradikaler Diskurse, in der Medienlandschaft wie auch im politischen Betrieb. Die Autorin verweist zudem auf eine Zunahme persönlicher Angriffe und digitaler Hetzkampagnen, die sie seit der Erstveröffentlichung erlebte – ein Phänomen, das sich mittlerweile zu einem festen Bestandteil öffentlicher Debattenkultur entwickelt hat.
Resonanz und Kontrastprogramm
Der Erfolg von Résister hebt sich deutlich von den übrigen Titeln im politischen Buchmarkt ab. Im Jahr 2025 waren unter den meistverkauften Sachbüchern auch die Memoiren und Programme prominenter Rechtsaußen-Politiker: Ce que veulent les Français von Jordan Bardella, Populicide und Mémoricide von Philippe de Villiers sowie Le journal du prisonnier von Nicolas Sarkozy. Letztere wurden allesamt bei Fayard verlegt – einem Verlag unter Kontrolle des konservativen Medienmoguls Vincent Bolloré, der in Frankreich eine zunehmend prägende Rolle im Meinungsspektrum einnimmt.
Saqués Essay bildet damit gewissermaßen das intellektuelle Gegengewicht zu einer publizistischen Offensive von rechts. Er wurde vielfach in sozialen Netzwerken empfohlen, insbesondere auf TikTok und Instagram, und erreichte damit eine junge Zielgruppe, die von traditionellen Medien oft nicht erreicht wird. Der Preis – fünf Euro – sowie das kompakte Format dienten gezielt dem Anspruch, ein möglichst breites Publikum zu erreichen.
Intellektuelle Polarisierung und die Rolle des Buchmarkts
Der Erfolg von Résister lässt sich auch als Symptom einer tiefergehenden gesellschaftlichen Polarisierung deuten. Der politische Diskurs in Frankreich wird zunehmend durch publizistische Interventionen geprägt – sei es durch Fernsehdebatten, Podcasts oder eben Bücher. Während rechte Intellektuelle wie Éric Zemmour in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich zogen, zeigt Saqués Erfolg, dass auch ein progressiver, antifaschistischer Impuls Resonanz findet – vorausgesetzt, er wird zeitgemäß formuliert und kommuniziert.
Das politische Essay gewinnt damit eine neue Funktion: weniger als nüchternes Analyseinstrument, sondern als Katalysator öffentlicher Debatten. Es bleibt offen, ob die mobilisierende Wirkung solcher Texte in konkrete politische Partizipation mündet. Fest steht jedoch, dass Résister ein Ausdruck eines wachsenden Unbehagens gegenüber der politischen Entwicklung Frankreichs ist – und ein Versuch, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.
Autor: P. Tiko