Der Abend im Bahnhofsviertel von Caen endet in einer Tragödie: Ein 26 Jahre alter Autofahrer ist am Mittwoch gegen 22.15 Uhr gezielt in eine Gruppe von Menschen gefahren. Ein Mensch starb, zehn weitere wurden verletzt. Sieben von ihnen befanden sich nach dem am Donnerstagmorgen mitgeteilten Stand in akuter Lebensgefahr. Die Ermittler versuchen nun zu klären, was den jungen Mann zu seiner Tat veranlasste.
Das Geschehen spielte sich in der Nähe eines Lokals im Viertel rund um den Bahnhof der normannischen Stadt ab. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler soll der Fahrt eine Auseinandersetzung oder Schlägerei vorausgegangen sein. Was genau geschah, wer an dem Streit beteiligt war und weshalb die Situation derart eskalierte, gehört zu den zentralen Fragen der laufenden Ermittlungen.
Fest steht bislang: Der Wagen traf mehrere Menschen mit verheerenden Folgen.
Eine Person kam ums Leben. Insgesamt zehn Verletzte mussten versorgt werden. Der Präfekt des Départements Calvados teilte mit, dass sieben Menschen als „urgence absolue“, also als lebensgefährlich beziehungsweise äußerst schwer verletzt, eingestuft wurden. Drei weitere Opfer erlitten weniger schwere Verletzungen. Erste Meldungen hatten zunächst von vier Schwerverletzten gesprochen. Diese Zahl korrigierten die Behörden später nach oben.
Der mutmaßliche Fahrer blieb nach dem Zusammenstoß nicht am Tatort. Er flüchtete und setzte sich in Richtung Küste ab. Die Polizei nahm den 26-Jährigen schließlich in Ouistreham fest, rund 20 Kilometer nördlich von Caen. Damit begann für die Ermittler die schwierige Rekonstruktion eines Abends, der offenbar innerhalb kurzer Zeit völlig aus dem Ruder lief.
Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf das Motiv.
Der Verdächtige wurde in Russland geboren. Nach Angaben der Behörden war er den Nachrichtendiensten bislang nicht bekannt. Polizeilich aufgefallen war er lediglich wegen Verkehrsdelikten. Hinweise darauf, dass Sicherheitsbehörden ihn zuvor wegen extremistischer Aktivitäten beobachtet hätten, liegen nach dem derzeitigen Ermittlungsstand nicht vor.
Die Staatsanwaltschaft von Caen eröffnete ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes sowie vorsätzlicher Gewalt mit einer Waffe. Ein Auto gilt im französischen Strafrecht unter entsprechenden Umständen als Waffe, wenn es gezielt gegen Menschen eingesetzt wird.
Die Ermittler gehen derzeit nicht vorrangig von einem terroristischen Hintergrund aus. Diese Einschätzung bleibt allerdings vorläufig, denn die Untersuchungen stehen erst am Anfang. Entscheidend dürfte unter anderem sein, was unmittelbar vor der Fahrt geschah und ob zwischen dem Fahrer und einzelnen Personen aus der Gruppe eine persönliche Verbindung bestand.
Gerade die vermutete Auseinandersetzung vor einem Lokal dürfte dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sollte sich bestätigen, dass der Fahrer nach einem Streit bewusst in die Menschengruppe steuerte, rücken persönliche Motive und eine spontane Eskalation stärker in den Mittelpunkt. Doch solange Vernehmungen, Zeugenaussagen und technische Auswertungen nicht abgeschlossen sind, bleibt vieles offen.
Für Caen ist es ein Morgen nach einer Nacht, die Spuren hinterlässt. Rund um den Bahnhof, normalerweise ein Ort des Kommens und Gehens, bestimmten Rettungskräfte und Polizei das Bild. Für die Angehörigen der Opfer geht es derweil um weit mehr als Ermittlungsakten und juristische Begriffe. Sie warten auf Nachrichten aus den Krankenhäusern – und auf Antworten darauf, weshalb aus einem mutmaßlichen Streit eine tödliche Fahrt wurde.
Im Laufe des Donnerstags dürften die Behörden weitere Einzelheiten bekanntgeben. Im Mittelpunkt stehen der Gesundheitszustand der Schwerverletzten, das mögliche Motiv des 26-Jährigen sowie die genaue Abfolge der Ereignisse vor der Tat. Erst dann dürfte sich klarer abzeichnen, was an diesem Mittwochabend in Caen tatsächlich geschah.
Andreas M. Brucker