Wenn Anfang September in Nizza die Schultore wieder aufgehen, sollen zwischen Pausenhof, Platanen und Basketballkörben nach und nach neue Fahnenmasten auftauchen. Oben weht Blau, Weiß, Rot.
Nizzas Bürgermeister Éric Ciotti möchte den französischen Nationalfarben sichtbar mehr Raum im Schulalltag geben. Bis zu den Allerheiligenferien sollen die öffentlichen Elementarschulen der Stadt schrittweise mit Fahnenmasten ausgestattet sein. Ein erster Mast steht bereits.
Doch Ciotti denkt weiter.
Er möchte mit dem Rektorat darüber sprechen, regelmäßig die französische Flagge zu hissen und solche Zeremonien mit der Marseillaise zu begleiten. Schüler könnten dann gemeinsam an einer sogenannten Levée des couleurs teilnehmen — einem Fahnenappell, wie man ihn eher von offiziellen Gedenkveranstaltungen oder militärischen Zeremonien kennt.
Für Ciotti geht es um Zugehörigkeit.
Kinder sollen früh lernen, welche Symbole die Französische Republik repräsentieren und weshalb diese Symbole Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien miteinander verbinden.
Die Idee passt zu seinem politischen Profil. Seit Jahren setzt Ciotti auf Themen wie nationale Identität, Autorität und republikanische Symbole. Schon als Abgeordneter engagierte er sich dafür, Flaggen und den Text der Marseillaise stärker in Schulen sichtbar zu machen.
Nun besitzt er als Bürgermeister die Möglichkeit, diese Vorstellung auf kommunaler Ebene ganz praktisch umzusetzen.
Ein Fahnenmast aus Metall wird damit plötzlich zum politischen Statement.
Mehr als ein Stück Stoff
Frankreich besitzt ein besonders emotionales Verhältnis zu seinen republikanischen Symbolen.
Die Trikolore hängt an Rathäusern, Schulen und öffentlichen Gebäuden. Bei Gedenkfeiern steht sie neben Veteranen, Feuerwehrleuten und gewählten Vertretern. Bei Fußballspielen verwandeln Tausende Fahnen ein Stadion in ein blau weiß rotes Meer.
Doch gehört eine regelmäßige Flaggenzeremonie auch in den Alltag von Grundschülern?
Befürworter sagen eindeutig ja.
Für sie beginnt staatsbürgerliche Bildung nicht erst mit komplizierten Unterrichtsstunden über Institutionen. Kinder sollen Republik auch erleben: Flagge, Hymne, Geschichte und gemeinsame Rituale könnten abstrakten Begriffen ein Gesicht geben.
Gerade in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft, argumentieren Unterstützer, brauche es sichtbare Gemeinsamkeiten.
Das klingt zunächst ziemlich einleuchtend.
Kritiker sehen die Sache anders. Sie fragen, ob ein Fahnenappell wirklich mehr Zusammenhalt schafft oder hauptsächlich starke Bilder für die politische Kommunikation liefert.
Denn Schulen besitzen bereits einen vollen Terminkalender. Lehrer vermitteln Lesen, Schreiben, Mathematik, Geschichte, Sprachen und staatsbürgerliche Bildung. Dazu kommen soziale Probleme, Inklusion und die immer größere Herausforderung, Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam zu unterrichten.
Braucht es da wirklich einen wöchentlichen Fahnenappell?
Die Marseillaise auf dem Pausenhof
Noch ist keineswegs entschieden, wie solche Zeremonien aussehen könnten.
Die Stadt besitzt Verantwortung für Gebäude und Ausstattung der Grundschulen. Der pädagogische Alltag fällt dagegen in den Bereich der nationalen Bildungsbehörden.
Ciotti möchte deshalb das Gespräch mit dem Rektorat, Schulleitungen und Elternvertretern suchen.
Das ist mehr als eine Formalität.
Denn zwischen einem Fahnenmast auf dem Schulhof und einer regelmäßig organisierten Zeremonie liegt ein erheblicher Unterschied. Wer nimmt teil? Wie häufig findet sie statt? Wer erklärt den Kindern die historischen Hintergründe? Wird die Marseillaise gesungen oder abgespielt?
Genau diese Details entscheiden darüber, ob aus dem Projekt lebendige staatsbürgerliche Bildung oder bloß ein Ritual entsteht.
Eine Nationalflagge allein erklärt schließlich keine Republik.
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zeigen sich nicht nur in Blau, Weiß und Rot, sondern ebenso darin, wie Menschen miteinander umgehen.
Ein Symbol wird zum Politikum
Dass die Ankündigung unmittelbar vor der rentrée scolaire Aufmerksamkeit erzeugt, überrascht kaum.
Kaum ein Gegenstand ist politisch so aufgeladen und gleichzeitig so alltäglich wie eine Nationalflagge.
Für die einen steht sie für Zusammenhalt, Geschichte und eine gemeinsame Heimat. Andere reagieren zurückhaltender, sobald patriotische Symbole stärker in den Schulalltag einziehen.
Dabei muss beides kein Widerspruch sein.
Eine Schule darf Kindern durchaus erklären, warum Frankreich seine Flagge besitzt, was die Marseillaise erzählt und weshalb republikanische Symbole entstanden sind. Ebenso gehört dazu, Geschichte nicht in feierliches Geschenkpapier einzuwickeln, sondern verständlich und kritisch zu vermitteln.
Vielleicht liegt genau darin die spannendste Aufgabe dieses Projekts.
Wenn im Herbst auf den Schulhöfen von Nice die Trikolore weht, steht dort zunächst nur ein Mast mit einer Fahne.
Was Kinder daraus mitnehmen, entscheidet sich nicht oben im Wind.
Sondern unten im Unterricht.
Ein Artikel von M. Legrand