Wer durch das ehemalige Bergbaurevier im Pas-de-Calais fährt, entdeckt eine Landschaft im Wandel. Dort, wo einst Fördertürme den Horizont prägten und Kohle das Leben ganzer Generationen bestimmte, verändern die markanten Terrils ihr Gesicht. Die schwarzen Halden, jahrzehntelang als sichtbare Narben der Industriegeschichte wahrgenommen, ziehen heute Wanderer, Naturfreunde und Fotografen an. Und an manchen Hängen wächst inzwischen etwas, das hier früher kaum jemand erwartet hätte: Wein.
In Haillicourt bei Béthune stehen auf den Flanken eines ehemaligen Terrils Reihen von Chardonnay Rebstöcken. Die daraus entstehende Cuvée trägt einen Namen mit Augenzwinkern: Charbonnay. Das Wort verbindet „charbon“, das französische Wort für Kohle, mit Chardonnay. Was zunächst wie eine originelle Marketingidee klang, entwickelte sich zu einem bemerkenswerten Symbol für den Wandel einer ganzen Region.
Die ersten Weinlesen fanden bereits 2013 statt. Die Erntemengen bleiben bis heute überschaubar. Nur wenige Hundert Flaschen verlassen jedes Jahr den Hang. Gerade diese Seltenheit macht den Wein begehrt. Doch die eigentliche Bedeutung des Projekts liegt nicht im wirtschaftlichen Erfolg, sondern in seiner Botschaft.
Über Jahrzehnte standen die Terrils für harte Arbeit unter Tage, für Schweiß, Gefahr und die industrielle Vergangenheit Nordfrankreichs. Heute erzählen sie eine neue Geschichte. Viele Halden wandelten sich zu Aussichtspunkten, Naturflächen und Erholungsorten. Seltene Pflanzen siedeln sich an, Vögel finden Rückzugsräume und Spaziergänger genießen den Blick über die weite Landschaft. Die Natur hat begonnen, sich jene Orte zurückzuholen, die einst von Menschenhand geschaffen wurden.
Der Weinbau fügt dieser Entwicklung eine weitere Ebene hinzu. Tatsächlich besitzt das Experiment mehr Substanz, als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Die dunklen Schiefer und Gesteinsreste speichern Wärme besonders gut. Die steilen Hänge profitieren von einer günstigen Sonneneinstrahlung. Hinzu kommt ein Klima, das sich in den vergangenen Jahrzehnten spürbar verändert hat. Regionen, die früher als ungeeignet für den Weinbau galten, eröffnen plötzlich neue Möglichkeiten.
Vor zwanzig Jahren hätten viele Fachleute wohl den Kopf geschüttelt. Wein aus dem ehemaligen Kohlebecken Nordfrankreichs? Klingt verrückt. Heute wirkt die Idee deutlich weniger abwegig. In den Hauts-de-France entstehen an verschiedenen Orten neue Weinberge. Noch handelt es sich um kleine Projekte, doch sie zeigen, wie flexibel sich Landwirtschaft an veränderte Bedingungen anpassen kann.
Gleichzeitig erzählt der Charbonnay von einer bemerkenswerten kulturellen Entwicklung. Das industrielle Erbe des Bergbaureviers besitzt seit Jahren einen neuen Stellenwert. Seit der Aufnahme des Bassin Minier in die Liste des UNESCO Welterbes im Jahr 2012 richtet sich der Blick nicht mehr ausschließlich auf den Niedergang der Kohleindustrie. Stattdessen rücken die Zeugnisse dieser Epoche als kulturelles Erbe in den Mittelpunkt.
Die ehemaligen Fördertürme, Arbeitersiedlungen und Terrils stehen heute nicht nur für vergangene Zeiten. Sie bilden die Grundlage für neue Ideen. Museen, Kulturveranstaltungen, Wanderwege und touristische Angebote beleben die Region. Die Weinberge auf den Halden passen perfekt in dieses Bild. Sie verbinden Vergangenheit und Zukunft auf besonders anschauliche Weise.
Darin liegt vielleicht die größte Stärke des Projekts. Niemand versucht, die Geschichte auszulöschen oder zu vergessen. Im Gegenteil. Die Erinnerung bleibt sichtbar. Die Terrils verschwinden nicht unter Einkaufszentren oder Neubausiedlungen. Sie behalten ihre Form und ihre Bedeutung. Doch gleichzeitig erhalten sie eine neue Funktion. Aus einem Symbol der Industrie wird ein Ort der Kultivierung.
Natürlich sollte man diese Entwicklung nicht romantisieren. Einige Reihen Rebstöcke lösen keine strukturellen Probleme. Die Arbeitsplätze der Bergbauzeit kehren nicht zurück. Viele Gemeinden kämpfen weiterhin mit den Folgen des industriellen Wandels. Wirtschaftliche Herausforderungen und soziale Fragen prägen den Alltag vieler Menschen bis heute.
Dennoch besitzt das Bild der Weinreben auf schwarzem Schiefer eine besondere Kraft. Es steht für Anpassungsfähigkeit, Kreativität und den Mut, ungewöhnliche Wege zu gehen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet auf den Überresten der Kohleindustrie einmal Trauben reifen würden? Manchmal entstehen die spannendsten Geschichten genau dort, wo kaum jemand sie erwartet.
Die Terrils des Pas-de-Calais zeigen eindrucksvoll, dass Wandel nicht immer Abriss bedeutet. Manchmal genügt es, den Boden neu zu betrachten. Aus den Relikten einer vergangenen Epoche wächst etwas Neues. Langsam, unspektakulär und doch voller Symbolkraft.
Ein Artikel von M. Legrand
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