Alle Artikel

37,3 Meter über der Brandung – wie ein junger Bretone der Sturmgewalt trotzt

Der Wind heult, das Meer brodelt, der Himmel hängt tief über der Küste der Bretagne. An jenem Tag, als der Sturm Goretti mit Böen von bis zu 110 Stundenkilometern über den Finistère fegt, suchen viele Schutz hinter dicken Mauern. Einer aber fährt hinaus. Er heißt Clément Huot, ist 23 Jahre alt – und hebt ab…

Clément Huot (Screenshot X)

Der Wind heult, das Meer brodelt, der Himmel hängt tief über der Küste der Bretagne. An jenem Tag, als der Sturm Goretti mit Böen von bis zu 110 Stundenkilometern über den Finistère fegt, suchen viele Schutz hinter dicken Mauern. Einer aber fährt hinaus. Er heißt Clément Huot, ist 23 Jahre alt – und hebt ab wie kein Mensch vor ihm.

Was dann geschieht, dauert gerade einmal 13 Sekunden. Genug Zeit allerdings, um Sportgeschichte zu schreiben. Vor der Küste von La Palue, nahe Crozon, lässt sich Huot von der rohen Kraft des Sturms in den Himmel katapultieren. Am Ende misst seine Uhr 37,3 Meter Höhe. Weltrekord im Kitesurfen. Höher war noch niemand.

Man muss sich diese Szene vorstellen wie eine Mischung aus Anmut und Anarchie. Unten tobt der Atlantik, weißer Schaum weht über den Strand, oben spannt sich der Kite wie ein wildes Tier im Wind. Huot hält die Bar fest umklammert, der Körper gespannt, die Konzentration messerscharf. Ein Fehler, ein falscher Winkel – und die Geschichte nähme einen anderen Verlauf. Doch genau das Gegenteil passiert. Der Sprung gelingt. Und wie.

„Ich habe einfach den Moment genossen“, sagt Huot später, noch immer ein wenig fassungslos. Die Zeit in der Luft habe sich endlos angefühlt, die Aussicht von oben überwältigend. Alles sei größer gewesen, schneller, stärker. Mehr Kraft, mehr Geschwindigkeit, mehr Gefühl. Worte, die man häufig hört im Extremsport – hier klingen sie glaubwürdig, fast nüchtern.

Der Rekord wird ihm erst nach der Landung bewusst. Nicht durch Applaus, nicht durch Zurufe vom Strand, sondern durch einen Blick auf seine Uhr. Die nüchterne Technik bestätigt, was der Körper bereits ahnt. Höchster Sprung seines Lebens. Höchster Sprung der Welt. Punkt.

Dass ein solcher Moment kein Zufall ist, versteht man, wenn man einen Schritt zurücktritt. Huot stammt aus Fréhel, einem Ort, an dem Wind kein Wetterphänomen, sondern ein Lebensgefühl darstellt. Die steilen Klippen, das offene Meer, der ewige Zug der Elemente. Hier wächst man nicht mit Spielkonsolen auf, sondern mit Segeln, Leinen und dem Respekt vor der Natur. Sein Vater nimmt ihn schon als Dreijährigen mit aufs Wasser. Erste Bilder zeigen ein kleines Kind, das kaum größer ist als das Brett, auf dem es steht.

Es ist diese Vater-Sohn-Geschichte, die dem Rekord eine zweite, leisere Ebene verleiht. Der Vater, selbst vom Meer geprägt, begleitet Clément bis heute. Er organisiert, sichert ab, beobachtet jede Bewegung. Gerade in jenen Momenten, wenn andere längst umkehren würden. „Du hättest auch sagen können, das ist mir zu gefährlich“, sagt er rückblickend. Clément lacht, ein wenig schelmisch. Klar, manchmal sei es schwierig gewesen. Aber aufhören? Kam nie infrage.

Der Sturm Goretti liefert die Bühne für diesen Rekord. Meteorologisch betrachtet ein kräftiges Wintertief, für Kitesurfer eine seltene Gelegenheit. Extreme Bedingungen bringen extreme Höhen. Doch sie verlangen auch absolute Kontrolle. Der Grat zwischen Weltrekord und Krankenhaus ist schmal. Dass Huot ihn beherrscht, ist Ergebnis jahrelanger Erfahrung, minutiöser Vorbereitung und eines instinktiven Verständnisses für Wind und Wasser.

In der Bretagne weiß man: Der Ozean schenkt nichts. Er duldet keine Überheblichkeit. Wer sich ihm stellt, muss zuhören können. Huot tut genau das. Er liest den Wind, fühlt die Böen, wartet auf den richtigen Moment. Und dann geht alles sehr schnell. Ein paar Sekunden Beschleunigung, ein Ruck – und der Körper löst sich von der Schwerkraft.

Solche Rekorde entstehen nicht im luftleeren Raum. Die internationale Kitesurf-Szene verfolgt den Sprung mit Staunen. Big Air nennt sich diese Disziplin, bei der es um maximale Höhe geht. In den vergangenen Jahren wurden die Rekorde Stück für Stück nach oben geschoben. Doch 37,3 Meter markieren eine neue Marke. Eine, die Respekt einflößt.

Gleichzeitig bleibt Huot erstaunlich bodenständig. Kein Pathos, kein großes Siegergetöse. Eher die stille Freude eines Menschen, der weiß, dass er im richtigen Moment das Richtige getan hat. Vielleicht liegt darin das eigentlich Bretonische dieser Geschichte. Die Nähe zum Element, die Abwesenheit von Drama. Man macht. Man probiert. Und manchmal fliegt man eben höher als alle anderen.

Ob dieser Rekord lange Bestand hat? Schwer zu sagen. Der Wind weht weiter, irgendwo bereitet sich vielleicht schon der nächste Draufgänger vor. Doch an diesem Januartag gehört der Himmel über dem Finistère Clément Huot. Ein junger Mann, ein Kite, ein Sturm. Mehr braucht es manchmal nicht, um Sportgeschichte zu schreiben.

Und klar, ein kleines bisschen verrückt muss man wohl sein. Aber genau das macht solche Geschichten lesenswert. Sonst wäre das Leben ja auch ziemlich langweilig, oder?

Autor: C.H.

Ende des Artikels