Alle Artikel · 29.10.2025 06:49
Affäre Ben Barka: Der Schatten eines Verbrechens, das bis heute nachwirkt
Am 29. Oktober 1965 verschwand Mehdi Ben Barka – ein prominenter marokkanischer Oppositioneller – mitten in Paris spurlos. Sechs Jahrzehnte später erschüttert eine neue journalistische Untersuchung die politische Erinnerungskultur Frankreichs, Marokkos – und darüber...
Am 29. Oktober 1965 verschwand Mehdi Ben Barka – ein prominenter marokkanischer Oppositioneller – mitten in Paris spurlos. Sechs Jahrzehnte später erschüttert eine neue journalistische Untersuchung die politische Erinnerungskultur Frankreichs, Marokkos – und darüber hinaus. Mit bisher unbekanntem Archivmaterial und mutmaßlichen Enthüllungen über die Verwicklung ausländischer Geheimdienste schlägt der Fall erneut Wellen – und bleibt doch ein Lehrstück über Staatsräson, geopolitische Verstrickungen und das lange Schweigen nach politischen Verbrechen.
Ein Verbrechen mit globalen Dimensionen
Mehdi Ben Barka war nicht irgendein Dissident. Als führender Intellektueller der antikolonialen Bewegung, Präsident der „Trikontinentalen Konferenz“ und ehemaliger Präsident des marokkanischen Parlaments galt er als Symbolfigur der linken Opposition gegen das autoritäre Regime von König Hassan II. Sein Engagement für eine antiimperialistische Weltordnung, seine Kontakte zu Che Guevara und zu afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen machten ihn international bekannt – und gefährlich für so manchen Staat.
Am frühen Nachmittag des 29. Oktober 1965 wird Ben Barka vor der Brasserie Lipp im Pariser Quartier Saint-Germain von zwei Polizisten in einen Wagen gebeten – angeblich im Auftrag der Justiz. Danach verliert sich jede Spur. Erst Monate später wird klar: Die beiden Polizisten handelten nicht im Namen der Justiz, sondern im Auftrag marokkanischer Geheimdienste – mutmaßlich mit Unterstützung französischer Behörden. Doch weder wurde der Leichnam je gefunden, noch konnte die genaue Kette der Verantwortlichkeiten abschließend geklärt werden. Die Affäre wurde zum Sinnbild für einen „Staatsauftrag im Verborgenen“.
Die neue Enthüllung – Substanz oder Spekulation?
Nun erscheint das Buch L’Affaire Ben Barka, la fin des secrets, verfasst von zwei namhaften Journalisten: dem Afrika-Experten Stephen Smith (ehemals Le Monde und Liberation) und dem israelischen Geheimdienst-Spezialisten Ronen Bergman (New York Times). Sie stützen sich nach eigenen Angaben auf bislang unveröffentlichte Dokumente – darunter Archive israelischer Sicherheitsdienste – und fünf Jahre umfassender Recherche. Ihre zentrale These: Der Befehl zur Entführung ging direkt von König Hassan II. aus. Paris duldete, Tel Aviv half.
Laut Bergman und Smith war der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad indirekt in die Operation eingebunden – insbesondere über technische Hilfe und Verbindungen zu französischen Mittelsmännern. Gemeinsam mit marokkanischen Sicherheitskräften und kriminellen Milieus der Pariser Unterwelt soll ein gemeinsames Komplott zur Ausschaltung Ben Barkas geschmiedet worden sein. Der Leichnam? Laut der Recherche angeblich in einem Waldstück nahe Paris verscharrt – doch ein Beweis fehlt weiterhin.
Die Autoren liefern eine minutiöse Rekonstruktion der Ereignisse, Stunde um Stunde, angeblich gestützt auf Augenzeugen und abgehörte Funksprüche. Doch bei aller Detailfülle bleibt ein Problem: Die meisten Quellen sind entweder anonym oder unterliegen Geheimhaltung. Für Historiker und Ermittlungsbehörden ist die Nachprüfbarkeit daher begrenzt.
Ein politisches Pulverfass
Warum entfaltet die Affäre bis heute solche Sprengkraft? Zum einen, weil sie zentrale Prinzipien demokratischer Rechtsstaatlichkeit in Frage stellt: Der politische Mord an einem Dissidenten im Herzen von Paris, unter Beteiligung von Staatsorganen, erschüttert das Vertrauen in staatliche Institutionen. Bereits in den 1960er Jahren wurde deutlich, dass französische Stellen den marokkanischen Behörden entgegenkamen – möglicherweise im Sinne „guter bilateraler Beziehungen“.
Zum anderen, weil die neue Version des Falles eine bisher wenig beleuchtete Dimension hinzufügt: die Rolle Israels. Sollte sich bestätigen, dass der Mossad logistische Hilfe leistete – sei es zur Gefälligkeit gegenüber Rabat oder im Austausch gegen marokkanische Informationen über arabische Staaten –, würde sich ein komplexes Netz geopolitischer Gegengeschäfte offenbaren. Das israelisch-marokkanische Verhältnis war seit den 1960er Jahren eng – nicht nur aufgrund jüdisch-marokkanischer Auswanderung, sondern auch wegen gemeinsamer strategischer Interessen.
Erinnerungspolitik in Bewegung
Das Interesse an der Ben-Barka-Affäre speist sich auch aus dem gesellschaftlichen Bedürfnis, dunkle Kapitel der Vergangenheit aufzuarbeiten. In Marokko bleibt die Ära Hassan II. – geprägt von Repressionen, Verschwindenlassen und Folter – ein heikles Terrain. Zwar hat die „Instanz für Wahrheit und Versöhnung“ (2004–2006) erste Schritte unternommen, doch viele Fragen blieben unbeantwortet. Das Verschwinden von Ben Barka bleibt das prominenteste Symbol dieser „années de plomb“ (Jahre aus Blei).
In Frankreich wiederum ist die Affäre ein Mahnmal für die Grauzonen staatlichen Handelns – zwischen Diplomatie, Geheimdienstpolitik und „raison d’État“. Die Tatsache, dass ein politischer Mord in Paris weder vollständig aufgeklärt noch juristisch geahndet wurde, nährt bis heute Zweifel am Rechtsstaat und seiner Fähigkeit zur Selbstkorrektur.
Kein Ende der Geschichte
Die neue Veröffentlichung liefert zweifellos Stoff für Debatten – über historische Verantwortung, über staatliche Transparenz und über die Rolle von Geheimdiensten in internationalen Beziehungen. Doch sie kann die Akten nicht schließen. Ohne forensische Beweise, ohne öffentliche Entklassifizierung relevanter Archive – insbesondere französischer und israelischer – bleiben die letzten Stunden Mehdi Ben Barkas im Schatten.
Und dennoch: Die Tatsache, dass 60 Jahre nach seinem Verschwinden eine neue Generation von Journalisten versucht, das Schweigen zu brechen, ist ein Zeichen politischer Reife. Die Affäre Ben Barka ist mehr als ein Justizfall – sie ist ein Spiegelbild postkolonialer Verwerfungen, ein Lehrstück über Macht und Moral in der internationalen Politik. Und ein Beweis dafür, dass Geschichte nicht vergeht, solange Fragen offen bleiben.
Von Andreas Brucker