Es ist schwer, sich ein Leben in Trümmern vorzustellen.
Und noch schwerer, daraus einen Neuanfang zu wagen – fernab der Heimat, im Schatten eines Krieges, der alles zerstört hat.
Doch genau das versuchen Abdellatif Abou Hachem und Yousef Alqedra, zwei palästinensische Wissenschaftler, die nach Monaten unter Dauerbeschuss in Gaza im April 2025 nach Frankreich evakuiert wurden.
Ihr Ziel: Überleben. Forschen. Sinn stiften.
Der Exodus der Intelligenz
Abou Hachem und Alqedra sind keine Einzelfälle. Sie gehören zu einer wachsenden Zahl palästinensischer Akademiker, die inmitten des Gaza-Konflikts aus ihrer Heimat fliehen mussten. Viele von ihnen waren Lehrende, Forscher, Visionäre – bis der Krieg ihre Labore in Ruinen verwandelte und ihr akademisches Leben über Nacht zum Stillstand kam.
In Frankreich erhielten sie eine neue Perspektive: Dank des Programms PAUSE (Programme d’Accueil en Urgence des Scientifiques en Exil) finden gefährdete Wissenschaftler eine Zuflucht – zumindest auf dem Papier.
In der Realität aber ist dieser Neuanfang oft mit Hürden gepflastert.
Sicherheit geht vor Trauma?
Wer in Frankreich Asyl beantragt, muss sich befragen lassen.
Nicht über seine Arbeit, nicht über seine Forschung – sondern über seine politische Einstellung. Denn im Zentrum vieler Asylverfahren steht nicht das erlittene Leid, sondern das potentielle Risiko, das der Ankommende darstellen könnte.
„Es fühlt sich an, als ob wir uns verteidigen müssen, statt Unterstützung zu bekommen“, sagt ein geflüchteter Forscher, der anonym bleiben möchte. Die Worte sind leise, wiegen aber schwer wie Blei.
Diese Diskrepanz zwischen Schutzbedürfnis und Sicherheitsprotokoll wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Dilemma westlicher Flüchtlingspolitik: Wie viel Misstrauen ist gerechtfertigt, wenn Menschen vor Bomben fliehen?
Wenn Hoffnung an Grenzen scheitert
Ein weiteres Problem liegt nicht in Frankreich – sondern in Gaza selbst.
Denn viele PAUSE-Stipendiat:innen, die theoretisch längst eine Zusage haben, sitzen immer noch fest. Eingeschlossene Forscherinnen und Künstler, die bereit wären, nach Frankreich zu kommen, dürfen es schlicht nicht. Die Grenzübergänge sind verschlossen, die Bürokratie lahmt. Und während der Papierkrieg tobt, warten Menschen in Lebensgefahr.
Jeder Tag, den sie ausharren müssen, ist ein Tag zu viel.
Und doch gibt es Lichtblicke.
In Frankreich angekommen, können viele der Geflüchteten ihre akademische Arbeit fortsetzen – so auch Abou Hachem und Alqedra am IREMAM, dem renommierten Institut für Studien zur arabisch-muslimischen Welt in Aix-en-Provence.
Hier finden sie nicht nur einen Schreibtisch, sondern auch ein Stück Würde zurück. In Vorträgen, Projekten und Lehrveranstaltungen bringen sie ihre Expertise ein – nicht trotz ihrer Geschichte, sondern gerade wegen ihr.
Denn niemand versteht die Realität des Nahen Ostens besser als jene, die sie selbst erlebt haben.
Zwischen zwei Welten
Natürlich bleibt die Kluft.
Zwischen dem alten Leben und dem neuen Alltag in Frankreich, zwischen Erinnerung und Integration. Viele Geflüchtete berichten von Einsamkeit, Sprachbarrieren, kulturellen Missverständnissen. Doch sie berichten auch von Solidarität, Unterstützung – und einer Wissenschaftscommunity, die bereit ist zuzuhören.
Eine Frage aber bleibt: Wird das französische System auf lange Sicht mehr tun, als Schutz zu gewähren? Wird es echten Neuanfang ermöglichen?
Denn diese Forscher kämpfen nicht nur um ein Visum. Sie kämpfen darum, ihre Stimme zu behalten – und ihre Geschichte zu erzählen. Jeder Artikel, jede Vorlesung, jede Debatte ist für sie auch ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen.
Gegen das Schweigen, das sich oft über Kriege legt, sobald die Schlagzeilen verschwinden.
Die Geschichten von Abdellatif Abou Hachem und Yousef Alqedra sind ein Zeugnis menschlicher Resilienz – und ein stiller Aufruf an die Gesellschaft, den Begriff „Zuflucht“ neu zu denken.
Nicht als Gnade, sondern als gemeinsame Verantwortung. Nicht als bürokratisches Verfahren, sondern als gelebte Solidarität.
Denn Wissenschaft darf nicht durch Grenzen gestoppt werden.
Von C. Hatty