Marseille kennt viele Geräusche. Das Kreischen der Möwen über dem Hafen, das Dröhnen der Motorroller, das ewige Hupen. In manchen Vierteln kommt ein anderes Geräusch hinzu, dumpfer, endgültiger: Schüsse. Dort, wo der Drogenhandel den Alltag prägt, wo Gewalt nicht Ausnahme, sondern Hintergrundrauschen ist, erhebt sich eine Stimme, die eigentlich gar nicht laut sein will. Amine Kessaci spricht ruhig, manchmal fast zaghaft. Und gerade deshalb hört man ihm zu.
Kessaci wächst im Norden der Stadt auf, in Frais-Vallon, einem jener Quartiere, die in Fernsehberichten gern als Problemzonen etikettiert werden. Für die Bewohner selbst ist es einfach Heimat. Eine harte, oft ungerechte, aber vertraute Umgebung. Der Vater arbeitet als Mechaniker, die Mutter putzt Büros. Es ist ein Leben ohne Netz und doppelten Boden. Der Drogenhandel ist allgegenwärtig, nicht als abstraktes Phänomen, sondern als konkrete Versuchung, als schnelle Lösung für Geldprobleme, als vermeintlicher Ausweg aus Perspektivlosigkeit.
Viele Jugendliche lassen sich davon einfangen. Kessaci nicht. In der Schule gilt er als aufmerksam, engagiert, jemand, der Fragen stellt, wo andere schweigen. Er macht sein Abitur, mit sehr gutem Ergebnis. Kein Wunder, sagen Weggefährten, der Junge habe früh verstanden, dass Bildung mehr sein kann als ein Versprechen – nämlich eine echte Fluchtlinie. Doch Marseille lässt niemanden ganz los.
Der Wendepunkt kommt Ende 2020. Sein Halbbruder wird Opfer eines brutalen Racheakts im Umfeld des Drogenmilieus, ermordet, verbrannt in einem Auto. Ein Satz, den man hinschreibt und sofort merkt, wie unerquicklich er klingt. Für Kessaci ist es kein journalistischer Befund, sondern ein Einschnitt, der alles verändert. Plötzlich hat die Gewalt einen Namen, ein Gesicht, eine Stimme, die fehlt.
Viele ziehen sich nach so einem Schlag zurück. Kessaci geht nach vorn. Er gründet die Initiative „Conscience“, ein Zusammenschluss, der Jugendlichen Alternativen aufzeigen soll, Familien von Opfern unterstützt und öffentlich über die Mechanismen des Drogenhandels spricht. Keine martialischen Parolen, keine Revolutionsromantik. Sondern Gespräche, Workshops, Hilfestellung bei Ausbildung und Jobsuche. Bodenarbeit, wie man im Politbetrieb sagen würde.
Der Erfolg kommt schnell. Zu schnell vielleicht. Medien interessieren sich für den jungen Mann, Politiker lassen sich neben ihm fotografieren, seine Aussagen werden zitiert. Kessaci wird zum Gesicht einer Bewegung, die vielen unbequem ist. Wer über Ausstieg spricht, stört das Geschäft. Wer Namen nennt, wird zur Zielscheibe. Die Drohungen lassen nicht lange auf sich warten.
Heute lebt er unter Polizeischutz. Ein Aktivist, der begleitet wird wie ein Kronzeuge. Das ist kein Symbol, das ist Alltag. Einkaufen, Termine, selbst Spaziergänge – alles geplant, alles abgesichert. Ein Leben zwischen Engagement und Vorsicht, zwischen Hoffnung und latenter Angst. „Schon krass“, würde man umgangssprachlich sagen, und selten trifft es so gut.
Was Kessaci unterscheidet, ist nicht nur sein Mut, sondern seine Nüchternheit. Er weiß, dass der Drogenhandel nicht verschwindet, weil man ihn moralisch verurteilt. Er spricht über fehlende Arbeitsplätze, über Schulabbrüche, über ein System, das junge Menschen früh aufgibt. Seine Stärke liegt darin, dass er nichts beschönigt. Marseille ist für ihn keine verlorene Stadt, aber eine gefährdete.
Seine Stimme bleibt dabei verletzlich. Man hört den Zweifel, die Erschöpfung, manchmal auch den Zorn. Und doch spricht er weiter. Vielleicht gerade deshalb. Weil Schweigen hier schon zu viele Leben gekostet hat.
Autor: Andreas M. B.