Es gibt Straßen, die bloß von A nach B führen. Und dann gibt es Wege wie die Route des Crêtes. Sie windet sich über 80 Kilometer entlang der Kämme des Vogesenmassivs, verbindet Cernay mit Sainte-Marie-aux-Mines – und verknüpft dabei Naturerlebnis, Historie und Genuss wie ein gut gemischter Elsässer Flammkuchen.
1915 angelegt, ursprünglich für militärische Zwecke mitten im Donner der Ersten Weltkriegsfront, hat sich dieser Höhenweg zu einem beliebten Reiseziel gemausert. Heute ist die Route des Crêtes ein Paradies für Wanderlustige, Aussichtssüchtige und Hobbyhistoriker.
Zwischen Himmel und Geschichte
Los geht's in Cernay. Die Straße steigt schnell an, führt vorbei an grünen Hängen, über sanfte Kuppen, durch dichte Wälder – und plötzlich: das erste Wow.
Der Grand Ballon begrüßt dich mit 1.424 Metern Höhe. Der höchste Punkt der Vogesen schenkt dir bei klarem Wetter einen Blick bis zu den Alpen. Ein Aussichtsturm und eine Radarstation thronen oben wie stille Wächter über dem Elsass.
Ein paar Kurven weiter wartet der Markstein. Im Sommer lockt er mit Mountainbikestrecken, Wanderpfaden und – für die Mutigen – einer Sommerrodelbahn. Im Winter wird’s weiß, dann düsen Skifahrer über die Pisten, und die Luft riecht nach Glühwein und heißem Käse.
Dann wird’s wieder ernst – zumindest geschichtlich: Der Hartmannswillerkopf, auch Vieil Armand genannt, erinnert mit Mahnmal, Soldatenfriedhof und erhaltenen Schützengräben an die erbitterten Kämpfe zwischen Franzosen und Deutschen. Ein Ort des Innehaltens.
Ein paar Kilometer weiter lockt der Hohneck – mit 1.363 Metern der dritthöchste Gipfel. Wer den kleinen Aufstieg wagt, wird mit einem 360-Grad-Blick belohnt: die Rheinebene, die Vogesengipfel, manchmal sogar der Schwarzwald in der Ferne.
Dann erreicht man den Col de la Schlucht, einen historischen Passübergang zwischen Lothringen und Elsass. Heute gibt’s hier Parkplätze, Restaurants – und zahlreiche Wanderoptionen. Perfekter Spot für eine Mittagspause mit Aussicht.
Blühende Vielfalt – ganz ohne Gießkanne
Die Route des Crêtes durchquert den Regionalpark Ballons des Vosges – und dieser strotzt nur so vor Leben.
Da wären die Hautes Chaumes, diese uralten Hochweiden, gepflegt durch friedlich grasende Kühe. Kein Wunder, dass hier seltene Schmetterlinge und Vogelarten heimisch sind – bei dem Ausblick würden wir auch bleiben wollen.
Ein paar Kurven weiter: die Réserve naturelle du Tanet-Gazon du Faing. Eine Mischung aus Mooren, Buchenwäldern und Heideflächen. Wer genau hinsieht, entdeckt Trollblumen, Auerhähne – oder wenigstens die Spuren ihrer Pfoten und Federn.
Und dann, fast wie ein kleiner botanischer Schatzkasten: der Jardin d'altitude du Haut Chitelet. Auf 1.228 Metern wachsen hier über 2.000 alpine Pflanzenarten aus aller Welt. Schon mal eine Himalaya-Primel gesehen? Hier blüht sie neben sibirischen Enzianen – ganz ohne Jetlag.
Draußen sein. Richtig draußen.
Die Route des Crêtes ist wie gemacht für Bewegung. Kein Wunder, dass sie als Wander-Eldorado gilt.
Zahlreiche Wanderwege zweigen ab: kurze Spaziergänge zu Aussichtspunkten, mehrstündige Rundtouren durch Wälder, über Weiden und an stillen Seen vorbei – für alle, die lieber ihre Beine als ihr Auto bewegen.
Auch Radfahrer lieben den Nervenkitzel der Anstiege und die langen, fließenden Abfahrten. Eine Herausforderung, ja. Aber was für eine Belohnung am Ende jeder Kurve!
Und nach so viel Bewegung? Hunger! Und zwar richtiger, ehrlicher Vogesenhunger. Die Fermes-auberges entlang der Strecke sind keine Touristenfallen, sondern kulinarische Tempel auf dem Land. Da gibt’s Repas marcaire: herzhafte Tourte, geräuchertes Fleisch, geschmolzener Munsterkäse, Kartoffeln mit Butter – klingt simpel, schmeckt himmlisch.
Tipps von einem, der’s erlebt hat
Beste Reisezeit? Zwischen Mai und November. Im Winter ist die Route oft geschlossen – und selbst im Sommer kann plötzlich Nebel aufziehen.
Unbedingt dabei haben: feste Schuhe, winddichte Jacke und – ja, ganz altmodisch – eine Karte. GPS funktioniert nicht überall, und offline wird schnell romantisch oder nervig.
Was du auf keinen Fall tun solltest? Abseits der Wege laufen, Pflanzen pflücken oder Müll liegen lassen. Klar, oder?
Diese Straße bleibt im Kopf
Die Route des Crêtes ist kein Ort, den man mal eben abhakt. Sie ist ein Erlebnis – von Gipfelglück bis Gänsehautmoment, von Kuhglockenkonzert bis Kriegsgedenken. Wer hier unterwegs ist, erlebt das Elsass und die Vogesen in ihrer ursprünglichsten Form.
Ein bisschen wie ein Roadtrip durch ein stilles, grünes Museum – nur ohne Absperrbänder. Und mit jeder Menge frischer Luft.
Also? Wann geht’s los?
Ein Reisebericht von V.O.Yager