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Aus rotem Glanz wird grüne Tat – Wie der rote Teppich von Cannes in Marseille weiterlebt

Jedes Jahr glänzt Cannes mit Prominenz, Blitzlichtgewitter und – einem 2 Kilometer langen, knallroten Teppich. Doch was passiert mit dieser ikonischen Kulisse, sobald die letzte Gala verklungen ist? Die Antwort liegt – wer hätte das gedacht – im Herzen von Marseille. Ein Stück Hollywood im Hafen von Marseille Seit 2021 sorgt die Organisation „La Réserve…

Foto Hermann

Jedes Jahr glänzt Cannes mit Prominenz, Blitzlichtgewitter und – einem 2 Kilometer langen, knallroten Teppich. Doch was passiert mit dieser ikonischen Kulisse, sobald die letzte Gala verklungen ist?

Die Antwort liegt – wer hätte das gedacht – im Herzen von Marseille.

Ein Stück Hollywood im Hafen von Marseille

Seit 2021 sorgt die Organisation „La Réserve des arts“ für einen bemerkenswerten Wandel: Sie haucht dem glamourösen Teppich ein zweites Leben ein. Nicht als Deko im Museum, sondern als nutzbares Material – für Designer, Bühnenbildner oder kreative Bastler.

Der Clou dabei? Die 1,5 Tonnen rote Auslegeware, die während des Festivals täglich ersetzt wird, landet nicht mehr auf dem Müll. Stattdessen tritt sie eine neue Reise an – rund 200 Kilometer südwestlich, in das 15. Arrondissement von Marseille.

Dort wird die Ware enttackert, gereinigt und zu günstigen Preisen an Mitglieder der Organisation abgegeben. Ein Kilogramm für einen Euro – das ist nicht nur solidarisch, das ist auch ein Aufruf zur Kreativität.

Vom Laufsteg zur Tasche – die neue Mode der Nachhaltigkeit

So hat etwa die Marseiller Vereinigung „Les Nippones“ die Herausforderung angenommen. Gründerin Elsa Ramouni-Yordikian näht aus dem einstigen Star-Teppich Taschen, Brillenetuis und stylische Fischerhüte. „Das Material ist nicht der Oberhammer – aber genau das macht es spannend“, sagt sie augenzwinkernd. Ein ironischer Touch, denn genau diese Herkunft macht ihre Produkte begehrenswert.

Auch Szenografin Leslie Bourgeois setzt auf das ungewöhnliche Material. Für eine Theateradaption von Tschechows „Die Möwe“ fertigte sie Kimonos aus dem Teppichstoff – eine ungewöhnliche Fusion aus Filmgeschichte und Bühnenkunst.

Eine Plattform für kreative Ressourcennutzung

Doch bei „La Réserve des arts“ bleibt es nicht beim Teppich. Die Organisation sammelt auch Reste von Holzleisten, Festivalplakaten und Kunststoffplanen. Alles, was sonst als Abfall gilt, bekommt hier eine zweite Chance.

Ein Ort, an dem Künstler und Handwerker zu Schnäppchenpreisen an Materialien kommen, die sonst nur schwer oder teuer zu beschaffen wären. Und gleichzeitig ein Ort, an dem ein anderes Bewusstsein für Material entsteht.

Was wäre, wenn mehr Städte solch eine Initiative hätten?

Kultur, Umwelt und Gemeinschaft – ein Dreiklang, der funktioniert

Das Beispiel zeigt: Auch große Festivals, die oft als Inbegriff des Überflusses gelten, können mit den richtigen Partnern nachhaltiger werden. Ein bisschen wie ein Hollywood-Star, der plötzlich auf dem Wochenmarkt Bio-Gemüse verkauft – ungewohnt, aber charmant.

Und in Marseille entsteht durch dieses Zusammenspiel mehr als nur ein Lagerhaus mit altem Teppich. Es entsteht ein Netzwerk. Eine neue Art von Wirtschaft, die nicht auf Ausbeutung, sondern auf Zusammenarbeit basiert. Auf Wiederverwertung statt Wegwerfen. Auf Wertschätzung statt Verschwendung.

Ein Teppich, der Geschichten trägt

Der rote Teppich von Cannes ist mehr als nur Symbol – er ist Bühne, Mythos und mittlerweile auch Rohstoff für kleine Wunder des Alltags. Dass er in Marseille zu neuem Leben erweckt wird, zeigt, wie Wandel mit Kreativität, Mut und Engagement gelingen kann.

Denn am Ende ist es nicht nur die große Geste, die zählt. Sondern das, was wir aus ihr machen – mit Schere, Nähmaschine und einer Prise Fantasie.

Von C. Hatty

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