Die Chefs der europäisch-französischen Autoriesen Renault und Stellantis haben genug – und das lassen sie laut und deutlich wissen. Luca de Meo und John Elkann haben sich gemeinsam zu Wort gemeldet und schlagen Alarm: Wenn sich nichts ändert, steht die europäische Automobilindustrie vor einem Wendepunkt. Ihre Forderung? Weniger bürokratische Hürden, realistische Regeln und ein Schutzmechanismus, der den Markt nicht abwürgt, sondern wiederbelebt.
Die Fakten sind bitter
Seit fünf Jahren befindet sich der europäische Automobilmarkt auf Talfahrt. Laut Stellantis-Chef John Elkann ist das kein normaler Konjunkturzyklus mehr – sondern eine strukturelle Krise. In einem Interview mit Le Figaro sprach er von einem drohenden Einbruch um mehr als die Hälfte bis 2035, wenn der derzeitige Kurs fortgesetzt werde.
Auch Luca de Meo von Renault spart nicht mit klaren Worten: „Der Markt kauft nicht, was Europa ihm verkaufen will.“ Gemeint sind damit insbesondere Elektrofahrzeuge, die aktuell zwar politisch gewollt sind – aber für viele Konsumenten schlicht zu teuer.
Die Rechnung geht nicht mehr auf
De Meo kritisiert, dass die Hersteller gar nicht mehr in der Lage seien, günstige Fahrzeuge zu produzieren, weil die Regulierung zu teuer, zu komplex und zu unverlässlich sei. Er warnt: In spätestens drei Jahren könnten Produktionsentscheidungen getroffen werden, die Standorte in Europa gefährden.
Die Industrie steht am Scheideweg. Entweder gelingt der Balanceakt zwischen Klimazielen und industrieller Realität – oder Europa verliert weiter an Boden gegenüber China und den USA, die längst mit staatlicher Unterstützung ihre Märkte absichern.
Kleine Autos, große Wirkung
Besonders hart trifft die Krise den Kleinwagensektor – ein Segment, das traditionell von Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien dominiert wird. Genau hier setzen Elkann und de Meo an: Diese Länder sollten gemeinsam mehr politisches Gewicht einbringen. Zusammengenommen stellen sie nicht nur einen bedeutenden Teil der Käufer, sondern auch der Produktion – und könnten so mehr Einfluss auf Brüssel ausüben als etwa Deutschland allein.
Was die Hersteller fordern, klingt gar nicht revolutionär, sondern fast banal: drei einfache Hebel, um wieder handlungsfähig zu werden.
Drei konkrete Forderungen an Brüssel
Erstens: Neue Vorschriften sollen nur für neue Modelle gelten – ältere Modelle sollten nicht nachträglich unter neue Normen fallen. Zweitens: Die Gesetzesflut solle in Form von „Reformpaketen“ kommen, statt jeden Monat neue Einzelmaßnahmen zu veröffentlichen. Und drittens: Es brauche ein zentrales, klares Anlaufportal bei der EU-Kommission – ein „One-Stop-Shop“ für Regeln und Genehmigungen.
Ein bisschen klingt das wie ein Hilferuf – aber eben auch wie ein pragmatischer Reformvorschlag.
Die Frage aller Fragen
Sind das die letzten Zuckungen einer Industrie, die ihre Marktlogik verloren hat? Oder der Beginn eines politischen Umdenkens? Elkann bleibt optimistisch – sofern Europa bereit sei, eine gemeinsame industriepolitische Linie zu fahren. Das Ziel: die Produktionsbasis in Europa – auch in Westeuropa – zu erhalten.
Eines machen beide Chefs jedenfalls klar: Diese Entscheidungen müssen 2025 fallen. Später könnte es zu spät sein.
Von M.A.B.