Paris – 23.07.2026: Manchmal genügt ein unscheinbarer Titel, um eine ganze Landschaft zu öffnen. "Quelque part", also: irgendwo, heißt die Ballade, die Franceinfo in seiner sommerlichen Reihe über weibliche Stimmen der neuen französischen Chanson- und Popszene erneut hervorhebt. Autour de Lucie entwirft darin keinen Himmel mit festen Koordinaten. Das Jenseits bleibt vielmehr eine vage, schmerzhaft nahe Zone: ein Ort, an dem ein geliebter Mensch sein könnte und doch unerreichbar bleibt.
Die Sängerin Valérie Leulliot beginnt nach einem ersten Tag ohne den Verstorbenen. Zwischen Wüste und Niagara, heißt es in einer der bildkräftigen Zeilen, treibe sie wie Blütenstaub und spreche mit ihrem Schmerz. Diese Gegenüberstellung von Trockenheit und Überfülle trägt das Lied: Trauer ist hier weder dramatische Pose noch private Beichte, sondern ein Zustand schwankender Wahrnehmung. Selbst die Sprache gerät aus dem Takt, zwischen Klarheit und Kauderwelsch.
"Quelque part" eröffnet das im Mai erschienene Album "Hors monde". Die Platte ist dem während ihrer Entstehung verstorbenen Vater Leulliots gewidmet. Damit erhält die Anrede an ein abwesendes Du eine biographische Schwerkraft, ohne sich in Eindeutigkeit einzuschließen. Das Lied lässt offen, ob es vom Tod, von einer Trennung oder schlicht vom Verstummen einer Verbindung erzählt. Gerade diese behutsame Unschärfe macht seine Wirkung aus.
Autour de Lucie, 1993 in Paris gegründet, gehörte schon in den neunziger Jahren zu jenen französischen Formationen, die Pop nicht mit Lautstärke verwechselten. Heute bilden Leulliot und Sébastien Lafargue den Kern des Projekts. Ihr neues Material führt die alte Kunst der Gruppe fort: Melodien dürfen schimmern, Gitarren und elektronische Farben dürfen sich annähern, doch nie wird das Arrangement zum Selbstzweck. Die Stimme bleibt der Ort, an dem alles zusammenkommt.
Das ist auch der feine Widerspruch von "Quelque part": Das Lied handelt von Verlust, aber es verweigert sich dem schweren Schritt. Der Refrain kehrt zu der Vorstellung zurück, der andere sei irgendwo noch vorhanden, fern und doch im eigenen Blick. Wolken ziehen langsam vorbei, Erinnerungsbilder löschen Vernunft nicht aus, sondern machen sie porös. Popmusik kann solche Sätze leicht in Sentimentalität kippen lassen; Leulliot hält sie mit ruhiger Wärme in der Schwebe.
Dass Franceinfo das Stück in einer Reihe über Sängerinnen aufgreift, ist deshalb mehr als nostalgische Wiederentdeckung. In "Quelque part" spricht eine Künstlerin nicht stellvertretend, sondern aus einer unverwechselbaren Perspektive über Abschied. Die Geographie des Danach hat bei Autour de Lucie keine Landkarte, keine religiöse Gewissheit und keinen großen Effekt. Sie besteht aus Blicken, Wolken und dem Versuch, den nächsten Tag auszuhalten. Das ist wenig – und, wie so oft in guten Liedern, erstaunlich viel.
Quellen
- Franceinfo
- Autour de Lucie bei Bandcamp
- POPnews
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).