Frankreichs politische Bühne bleibt in Bewegung. Jordan Bardella, Präsident des Rassemblement National (RN), macht keinen Hehl daraus, dass er bereit ist, im Jahr 2027 als Präsidentschaftskandidat ins Rennen zu gehen – vorausgesetzt, Marine Le Pen wird an einer Kandidatur gehindert. Diese Ankündigung kommt nicht aus heiterem Himmel. Le Pen, dreimalige Präsidentschaftskandidatin und langjährige Galionsfigur des RN, wurde im März 2025 wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu fünf Jahren politischer Ineligibilität verurteilt – mit sofortiger Wirkung.
Ob diese Verurteilung Bestand hat? Das wird erst das Berufungsverfahren im Jahr 2026 zeigen. Doch die Partei positioniert sich schon jetzt – und Bardella spielt dabei eine zentrale Rolle.
Ein Erbe mit Ansage
„Ich kann es nicht klarer sagen: Marine Le Pen ist meine Kandidatin, aber wenn sie verhindert wird, werde ich ihr Kandidat sein“, sagte Bardella kürzlich in einem Interview. Eine Ansage, die sitzt. Gleichzeitig betont er, dass er sich „vorbereite“ und „arbeite“ für den Fall, dass er einspringen müsse. Man könnte fast meinen, hier wird ein Staffelstab weitergereicht – mit Bedacht und Strategie.
Bardella ist kein unbeschriebenes Blatt. Seit er 2022 Le Pen als Parteivorsitzenden abgelöst hat, führt er den RN durch ruhiges wie stürmisches Fahrwasser. Besonders bei den Europawahlen 2024 zeigte sich sein politisches Geschick: Mit über 31 Prozent der Stimmen erzielte der RN ein starkes Ergebnis.
Doch reicht das, um in die Fußstapfen von Le Pen zu treten? Ihre Präsenz, ihre Geschichte als Kandidatin – das alles bringt Gewicht. Bardella ist zwar ihr politischer Ziehsohn, doch er bleibt, mit seinen 29 Jahren, für viele Beobachter ein politisches Leichtgewicht im Vergleich zu der erfahrenen Le Pen.
Die Schatten der Justiz
Das drohende Verbot für Le Pen, 2027 zu kandidieren, entspringt einem alten, aber nie vergessenen Skandal: dem Fall der parlamentarischen Assistenten des Front National (heute RN) im Europaparlament. Le Pen wurde der Zweckentfremdung öffentlicher Mittel schuldig gesprochen. Die fünfjährige Unwählbarkeit könnte ihre politische Karriere beenden – zumindest auf höchster Ebene.
Ihr Berufungsverfahren ist für 2026 angesetzt. Sollte das Urteil bestätigt werden, wäre der Weg für Bardella endgültig frei. Sollte es gekippt werden, bliebe Le Pen weiterhin die unumstrittene Spitzenkandidatin des RN. Doch Bardella weiß, dass Politik manchmal schnelle Antworten braucht.
Ein Mann mit Potenzial – oder nur ein Lückenfüller?
Die Frage, die viele beschäftigt: Kann Bardella die Lücke füllen, die Le Pen hinterlassen würde? Seine politische Laufbahn begann früh, sein Talent zur Selbstinszenierung ist unübersehbar. Er hat das Gesicht des RN modernisiert, den Ton oft moderater gestaltet und neue Wählergruppen angesprochen. Doch kann er auch in einem Präsidentschaftswahlkampf bestehen – gegen alte Hasen und ein oft unberechenbares politisches Klima?
Frankreichs Präsidentschaftswahlen sind kein Spaziergang. Sie verlangen Charisma, Schlagfertigkeit und ein gewisses Maß an Kampfgeist – Eigenschaften, die Le Pen bei ihren bisherigen Kandidaturen mehrfach unter Beweis stellte. Bardella wirkt oft diplomatischer, zurückhaltender – doch gerade das könnte auch seine Stärke sein. In einem Land, das zunehmend auf der Suche nach neuen Gesichtern und frischen Ideen ist, könnte Bardella mit jugendlicher Energie punkten.
RN: Kurs auf die Zukunft
Dass der RN sich vorbereitet, zeigt: Die Partei will sich keine Blöße geben. Ein Ausfall Le Pens darf nicht zum Chaos führen. Die Kontinuität der Bewegung muss gewahrt bleiben – und Bardella ist das sichtbare Symbol dieser Kontinuität. Doch der RN weiß auch, dass Politik selten planbar ist. Sollte Le Pen tatsächlich 2027 antreten dürfen, wird Bardella sich wieder hinter ihr einreihen. Sollte sie ausfallen, wäre er der Mann der Stunde.
Aber ist er bereit für das höchste Amt? Die Meinungen gehen auseinander. Seine Anhänger sehen in ihm den nächsten logischen Schritt für den RN – jemand, der die Marke modernisiert, ohne ihre Grundwerte aufzugeben. Kritiker hingegen zweifeln daran, dass Bardella in einem erbitterten Wahlkampf gegen erfahrene Gegner bestehen kann.
Frankreich blickt gespannt auf 2026
Bis zum Berufungsverfahren von Le Pen bleibt vieles offen. Die Unsicherheit über ihre politische Zukunft überschattet die Vorbereitungen des RN für die Präsidentschaftswahl 2027. Doch eines ist sicher: Jordan Bardella wird bis dahin weiterhin als Schlüsselfigur auftreten – bereit, die Lücke zu füllen, wenn es notwendig wird.
Und wer weiß? Vielleicht wird der vermeintliche Lückenfüller am Ende selbst zur Hauptfigur auf der politischen Bühne Frankreichs.
Von Andreas M. B.