Frankreichs Justizminister Gérald Darmanin hat am 22. Mai 2025 für ordentlich Zündstoff gesorgt. In einer Anhörung vor der Untersuchungskommission des Senats zur Finanzkriminalität schlug er etwas vor, das für viele wie ein Paukenschlag klang: Die vollständige Abschaffung von Bargeld. Ziel sei es, dem Drogenhandel den Wind aus den Segeln zu nehmen – denn ohne anonymes Geld ließen sich kriminelle Geldflüsse besser verfolgen.
Doch was nach einem klaren Schnitt klingt, sorgt für ein emotional aufgeladenes Streitgespräch über Sicherheit, Kontrolle, Freiheit und Alltag.
Bargeld – das Schmiermittel der Unterwelt?
Darmanin argumentiert mit Nachdruck: Bargeld ermögliche aufgrund seiner Anonymität illegale Geschäfte aller Art. Bei Dealern, bei Schwarzarbeit oder Steuerbetrug – überall dort, wo niemand Spuren hinterlassen will, klackert und raschelt es in den Taschen. „Ein Großteil der Alltagskriminalität und selbst organisierter Banden läuft über Bargeld“, so seine Aussage.
Das klingt zunächst plausibel. Vor allem, wenn man nach Skandinavien schaut: In Dänemark laufen nur noch rund acht Prozent aller Transaktionen über Bargeld. Der Rest? Elektronisch – und damit rückverfolgbar.
Schweden geht sogar noch weiter und hat das Bargeld fast komplett verbannt. In diesen Ländern gilt: Wer mit Karte zahlt, hat nichts zu verbergen.
Der Teufel steckt im Detail – und der Dealer ist längst digital
Doch genau hier schlagen Kritiker Alarm. Experten wie Gilles Duteil und Frédéric Ploquin, die sich mit Drogen- und Finanzkriminalität auskennen, warnen: Kriminelle sind wandlungsfähig – und oft schneller als die Polizei. Wenn das Bargeld verschwindet, steigen sie eben um. Auf Kryptowährungen, auf Guthabenkarten, auf ausgeklügelte Transaktionssysteme über Mittelsmänner.
„Die Mafiosi von heute denken nicht mehr nur in Geldscheinen“, sagen sie sinngemäß. Und was passiert, wenn man ein Problem einfach nur in ein anderes System schiebt, ohne die Ursache zu bekämpfen?
Außerdem: Gerade in schwierigen sozialen Verhältnissen, etwa in benachteiligten Vierteln, ist Bargeld oft das letzte Mittel, um überhaupt am Wirtschaftsleben teilzunehmen. Wer keine Bankverbindung hat, zahlt bar – Punkt.
Tschüss Bäcker, hallo Datenkrake?
Die Diskussion dreht sich längst nicht nur um Drogen. Es geht auch um den Alltag. Wer denkt beim Thema Bargeld schon sofort an den Tante-Emma-Laden um die Ecke oder den Bäcker auf dem Wochenmarkt? Doch genau diese kleinen Betriebe hängen am Bargeld wie die Bienen am Honig.
Ohne Bargeld würde man sie zwingen, kostspielige Kartensysteme einzuführen oder Kunden abzulehnen. Und auch legale, aber informelle Dienstleistungen – etwa das Babysitten gegen einen Zwanziger – würden verschwinden oder kriminalisiert.
Und was ist mit der Überwachung? Viele Menschen haben schlicht kein Vertrauen in eine voll digitalisierte Finanzwelt. Sie fürchten den gläsernen Menschen, den vollständigen Kontrollverlust über ihre Finanzen. Nicht ohne Grund schreibt die Banque de France: 60 Prozent der Franzosen wollen nicht auf Bargeld verzichten.
Ein technokratischer Schnellschuss mit gesellschaftlichem Bumerang
Selbst Darmanin rudert inzwischen vorsichtig zurück. Er sagt selbst, dass es momentan „keine politischen Mittel“ für so einen radikalen Schritt gebe. Die Gesellschaft sei nicht bereit – und wahrscheinlich auch nicht einverstanden.
Die Diskussion erinnert ein bisschen an die berühmte Redensart: Mit Kanonen auf Spatzen schießen. Denn natürlich – die Idee, illegale Finanzströme zu stoppen, ist mehr als berechtigt. Aber der Preis dafür? Ein tiefer Eingriff in Alltagsleben, Freiheit und wirtschaftliche Selbstbestimmung.
Und die große Frage bleibt: Wie effektiv ist so eine Maßnahme, wenn die Gegenseite längst im digitalen Zeitalter angekommen ist?
Zeit für kluge Wege statt schneller Lösungen
Vielleicht liegt der Fehler darin, dass man sich zu sehr auf ein Mittel konzentriert. Wer den Drogenhandel wirklich schwächen will, muss breiter denken. Ja, mehr digitale Kontrolle kann helfen. Aber ebenso wichtig sind soziale Programme, Bildung, Prävention und gezielte Strafverfolgung.
Die Idee, Bargeld abzuschaffen, ist ein Reizthema – mit vielen Facetten. Sie zeigt, wie sehr das Thema Kriminalität mit unserem Vertrauen in Systeme zusammenhängt.
Vielleicht ist nicht die Frage, ob wir auf Bargeld verzichten können. Sondern: In was für einer Gesellschaft wir leben wollen.
Von Andreas M. Brucker