3 Artikel kostenlos testen · danach 10 oder 15 Cent je ArtikelNoch 3 Gratisartikel · ohne E-Mail-AnmeldungRedaktionelles: kein Artikel-Ticket, kein Verbrauch Ihres Gratiskontingents. Der bisherige Zugang gilt.Mein Lesekonto →

Frankreich

Berry – Frankreichs stille Seele

Verträumte Teiche, verwunschene Dörfer, große Literatur und eine Küche voller Überraschungen: Zwischen den Wasserlandschaften der Brenne, den Weinbergen von Sancerre und dem einstigen Zuhause von George Sand zeigt Frankreich eine seiner stillsten und zugleich reizvollsten Seiten. Eine Reise für alle, die lieber entdecken als abhaken. Manchmal liegt das schönste Frankreich dort, wo kaum jemand danach…

Illustration Nachrichten.fr
KI-Illustration

Verträumte Teiche, verwunschene Dörfer, große Literatur und eine Küche voller Überraschungen: Zwischen den Wasserlandschaften der Brenne, den Weinbergen von Sancerre und dem einstigen Zuhause von George Sand zeigt Frankreich eine seiner stillsten und zugleich reizvollsten Seiten. Eine Reise für alle, die lieber entdecken als abhaken.

Manchmal liegt das schönste Frankreich dort, wo kaum jemand danach sucht.

Das Berry, mitten im Herzen des Landes, gehört zu diesen Gegenden. Keine spektakulären Küsten, keine mondänen Badeorte, kein Gedränge vor weltberühmten Sehenswürdigkeiten. Stattdessen ziehen sich schmale Landstraßen durch sanfte Hügel, alte Dörfer schmiegen sich an Flussufer, und über stillen Teichen liegt am Morgen ein feiner Nebelschleier.

Hier bestimmt die Landschaft den Rhythmus.

Die historische Provinz Berry umfasst im Wesentlichen die heutigen Départements Indre und Cher. Auf modernen Verwaltungskarten existiert sie nicht mehr als eigenständige Region. Doch ihre kulturelle Identität lebt weiter – in Traditionen, Geschichten und einer bemerkenswert eigenwilligen Küche.

Wer braucht schon ein überfülltes Reiseprogramm, wenn hinter der nächsten Wegbiegung ein kleines Stück französischer Alltagspoesie wartet?

Die Brenne – wo das Wasser Geschichten erzählt

Im Westen des Berry erstreckt sich eine Landschaft, die beinahe unwirklich erscheint: die Brenne, auch „Land der tausend Teiche“ genannt.

Tatsächlich verteilen sich hier rund 3.000 Wasserflächen zwischen Wiesen, Heide, Schilf und kleinen Wäldern. Viele entstanden bereits im Mittelalter, als Menschen Teiche für die Fischzucht anlegten. Besonders Karpfen gehören bis heute zur regionalen Wirtschaft.

Was zunächst wie unberührte Wildnis aussieht, erzählt somit auch von jahrhundertelanger menschlicher Arbeit.

Im Herbst ziehen Kraniche über die Landschaft. Reiher stehen regungslos am Ufer, Enten durchpflügen das Wasser, und irgendwo raschelt es im Schilf. Im Naturschutzgebiet Chérine bieten Beobachtungsstände Gelegenheit, dieses Schauspiel aus nächster Nähe zu verfolgen.

Ein Fernglas, feste Schuhe und ein bisschen Geduld – mehr braucht es kaum.

Auf den Spuren einer außergewöhnlichen Frau

Weiter südlich verändert sich die Landschaft. Im Boischaut Sud ziehen sich Hecken entlang kleiner Felder, schmale Wege verschwinden zwischen alten Bäumen, und Bäche schlängeln sich durch grüne Täler.

Hier lebte und arbeitete George Sand.

In ihrem Haus in Nohant schrieb die berühmte Schriftstellerin zahlreiche Werke und empfing Persönlichkeiten wie Frédéric Chopin, Eugène Delacroix und Gustave Flaubert.

Noch heute vermitteln die historischen Räume und der Garten eine Vorstellung vom Leben dieser außergewöhnlichen Frau. 2026 erinnert die Region an ihren 150. Todestag.

Auch das malerische Dorf Gargilesse im Tal der Creuse gehörte zu ihren Rückzugsorten. Zwischen steilen Dächern, alten Mauern und engen Gassen scheint die Zeit langsamer zu verstreichen.

Und mal ehrlich: Genau solche Orte bleiben oft länger im Gedächtnis als jede große Sehenswürdigkeit.

Eine Küche mit Bodenhaftung und Charakter

Nach einem ausgedehnten Spaziergang zeigt das Berry seine herzhafte Seite.

Die Galette aux pommes de terre etwa verbindet Kartoffeln, frischen Käsebruch und reichlich Butter zu einem blättrigen Gebäck. Außen knusprig, innen weich – eine bodenständige Spezialität, die erstaunlich raffiniert schmeckt.

Noch deftiger präsentiert sich der Pâté berrichon, traditionell auch Pâté de Pâques genannt. Unter goldbraunem Teig verbergen sich gewürztes Fleisch und hart gekochte Eier. Früher vor allem zu Ostern serviert, gehört die Pastete längst zu den kulinarischen Wahrzeichen der Gegend.

Eine weitere Spezialität wächst auf den Feldern der Champagne berrichonne: die grünen Linsen des Berry. Mit ihrer geschützten geografischen Angabe, dem französischen Label Rouge und ihrem leicht nussigen Geschmack genießen sie einen ausgezeichneten Ruf.

Dazu passen regionale Ziegenkäse wie Crottin de Chavignol, Valençay oder Pouligny Saint Pierre.

Und natürlich ein Glas Wein.

Rund um Sancerre entstehen elegante Weißweine aus Sauvignon Blanc sowie Rotweine und Rosés aus Pinot Noir. Landschaft und Genuss gehen hier eine besonders glückliche Verbindung ein.

Eine Birne, die Pfeffer liebt

Die vielleicht ungewöhnlichste Überraschung wartet zum Dessert.

Der Poirat berrichon ist eine gedeckte Birnenpastete, deren Geheimnis in einer unerwarteten Zutat liegt: schwarzem Pfeffer.

Manche Rezepte ergänzen Birnenbrand oder Cognac. Lauwarm serviert, entfaltet das Gebäck ein reizvolles Zusammenspiel aus fruchtiger Süße und feiner Schärfe.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Pfeffer einer Birne so viel Charme verleihen könnte?

Vielleicht beschreibt dieses Dessert das Berry sogar besonders treffend: vertraut auf den ersten Blick, überraschend beim zweiten.

Denn die eigentliche Schönheit dieser Region liegt nicht im Spektakel, sondern in ihren leisen Entdeckungen – im Morgennebel über einem Teich, im Schatten eines alten Gartens und im Duft frisch gebackener Pastete.

Man muss nur ein wenig Zeit mitbringen.

Ein Artikel von M. Legrand

Ende des Artikels