Die See vor der Küste der Normandie wirkt an vielen Abenden ruhig. Doch manchmal genügt ein einziger Moment – und aus Routine wird plötzlich ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit. Genau das geschah am Abend des 10. März vor Port-en-Bessin im Département Calvados.
Der kleine Fischkutter P’tit Vox war auf dem Rückweg vom Fang, als es kurz nach 21 Uhr zu einer Kollision mit einem anderen Fischerboot kam. Was genau in diesen Sekunden geschah, ist noch unklar. Fest steht jedoch: Das Unglück entwickelte sich rasend schnell.
Nach dem Zusammenstoß nahm der Kutter massiv Wasser auf.
Die P’tit Vox verfügte über keine Unterteilung in wasserdichte Abteile – ein Umstand, der sich nun fatal auswirkte. Binnen weniger Minuten drang so viel Wasser in den Rumpf ein, dass das Boot nicht mehr zu retten war. Die drei Fischer an Bord hatten kaum Zeit, die Lage zu erfassen.
Um 21 Uhr ging beim maritimen Rettungszentrum CROSS Jobourg der Notruf ein.
Von diesem Moment an lief alles nach dem bekannten, eingespielten Muster der Seenotrettung. Meldungen werden aufgenommen, Positionen geprüft, Rettungseinheiten alarmiert. Doch diesmal sollte Hilfe schneller kommen, als viele zunächst erwartet hatten.
Ein drittes Fischerboot, das sich in der Nähe befand, erkannte die dramatische Situation und eilte sofort herbei.
Die Crew reagierte instinktiv – so, wie es Seeleute seit Generationen tun. Noch bevor offizielle Rettungskräfte eintrafen, gelang es den Fischern, ihre drei Kollegen aus dem Wasser zu ziehen. Wenige Minuten später verschwand die P’tit Vox endgültig in den dunklen Wellen des Ärmelkanals.
Gegen 21.20 Uhr war der Kutter bereits gesunken.
Als die Seenotretter der SNSM aus Port-en-Bessin eintrafen, konnten sie die Schiffbrüchigen übernehmen und sicher in den Hafen bringen. Dort zeigte sich schnell: Die Männer hatten großes Glück gehabt. Ihr Gesundheitszustand gab keinen Anlass zur Sorge. Ein paar Stunden zuvor hatten sie noch gearbeitet – jetzt standen sie nass, erschöpft, aber lebend an Land.
Man könnte sagen: verdammt knapp gewesen.
Die Behörden reagierten unmittelbar nach dem Vorfall. Ein dringender Hinweis an alle Schiffe in der Region warnte vor der gesunkenen P’tit Vox, deren Wrack nun auf dem Meeresboden liegt und für andere Boote eine Gefahr darstellen könnte. Gleichzeitig wurde die betroffene Seezone entsprechend markiert.
Parallel dazu leitete die Staatsanwaltschaft in Le Havre eine Untersuchung ein. Sie soll klären, wie es überhaupt zu der Kollision kommen konnte. War schlechte Sicht im Spiel? Ein Navigationsfehler? Oder schlicht ein unglücklicher Moment auf See?
Noch gibt es darauf keine Antwort.
Der Vorfall erinnert daran, wie schnell sich die Realität der Fischer verändern kann. Ein Arbeitstag auf See folgt seinen eigenen Regeln – geprägt von Erfahrung, Routine und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Doch selbst wenige Kilometer vor dem sicheren Hafen bleibt das Meer ein unberechenbarer Ort.
Gerade die Rückkehr vom Fang gilt unter Fischern oft als entspannter Moment. Die Netze sind eingeholt, der Hafen liegt fast in Sichtweite. Man denkt schon an die Ankunft, an das Entladen, vielleicht an einen heißen Kaffee.
Und dann passiert so etwas.
Diesmal endete das Unglück ohne Todesopfer. In der rauen Welt der Küstenfischerei ist das keine Selbstverständlichkeit. Drei Männer verdanken ihr Leben der schnellen Reaktion anderer Seeleute – und vielleicht auch einem kleinen Stück Glück.
Denn manchmal entscheiden auf See wenige Minuten über alles.
Von Daniel Ivers