Der Vorstoß kam in einer Fernseh-Talkshow, das Thema ist heikel, die Reaktionen gespalten: Jordan Bardella, Parteichef des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN), hat sich öffentlich für die Wiedereröffnung staatlich kontrollierter Bordelle ausgesprochen. „Ich denke, geschlossene Orte sind immer besser als Elendsquartiere im Bois de Boulogne“, sagte Bardella am 13. Dezember in der Sendung Quelle époque! auf France 2. Für Frankreich, das sich seit Jahrzehnten in einem rechtlichen und moralischen Zwiespalt um Prostitution befindet, ist dies mehr als nur ein provokanter Vorschlag.
Bardella folgt damit einer Linie, die sein Parteikollege Jean-Philippe Tanguy bereits zuvor angedeutet hatte: Eine Art „Kooperativen“, geführt von Sexarbeiterinnen selbst, um das Milieu zu entkriminalisieren und sicherer zu machen. Der Vorschlag zielt nicht nur auf eine Legalisierung bestimmter Einrichtungen, sondern auch auf eine politische Deutungshoheit im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Ordnung, Frauenrechten und gesellschaftlicher Moral.
Zwischen Sicherheit und Scheinmoral
Bardella begründet seinen Vorstoß mit Sicherheitsaspekten: Die derzeitige Situation – geprägt von Straßenprostitution unter oft prekären Bedingungen – sei aus seiner Sicht weder kontrollierbar noch akzeptabel. Die 2016 in Kraft getretene Gesetzesreform, die unter Präsident François Hollande verabschiedet wurde, hatte die Bestrafung der Freier eingeführt. Ziel war es, die Nachfrage einzudämmen und Prostituierte aus der Opferrolle zu befreien. Doch der Erfolg ist umstritten. Bardella erklärte: „Man kann nicht behaupten, dass die Bilanz dieser Politik sehr positiv ausgefallen ist.“
Tatsächlich zeigt eine Reihe von Studien, dass viele Prostituierte seitdem in noch prekärere und gefährlichere Situationen gedrängt wurden. Laut einer Erhebung gaben rund 85 % der Befragten an, bereits zu sexuellen Handlungen durch Kunden gezwungen worden zu sein. Auch NGOs wie Médecins du Monde oder Amnesty International kritisierten in der Vergangenheit die Marginalisierung von Sexarbeiterinnen durch das Gesetz.
Ein Tabu mit Geschichte
Frankreich hat eine wechselvolle Geschichte im Umgang mit Prostitution. Bordelle waren seit dem 19. Jahrhundert ein fester Bestandteil des urbanen Lebens, bis sie 1946 durch das sogenannte „Loi Marthe Richard“ – benannt nach einer früheren Prostituierten und Résistance-Kämpferin – offiziell verboten wurden. Dieser Schritt war Teil einer moralischen Wende nach dem Zweiten Weltkrieg, getragen von einem neuen republikanischen Selbstverständnis und einem wachsenden feministischen Bewusstsein.
Doch trotz des Verbots florierte die Prostitution im Verborgenen weiter – insbesondere in Großstädten wie Paris, Marseille oder Lyon. Mit der Globalisierung und dem Menschenhandel wuchs das Problem der organisierten Kriminalität im Prostitutionsmilieu, was immer wieder Forderungen nach einem regulierten Rahmen laut werden ließ – etwa nach dem Modell der Niederlande oder Deutschlands.
Polarisierte Reaktionen
Der Vorschlag des RN hat erwartungsgemäß scharfe Kritik hervorgerufen. Lénaig Le Fouillé, Sprecherin der Organisation Mouvement du Nid, die sich für die Abschaffung der Prostitution einsetzt, bezeichnete die Idee als „extrem konservativ“ und anachronistisch: „Wir leben in einer post-MeToo-Gesellschaft, in der klar ist, dass Männer nicht das Recht haben, sich den Körper von Frauen gegen Geld anzueignen.“ In dieser Sichtweise ist Prostitution per se ein Akt der Gewalt und Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse.
Ganz anders sieht das der Strass (Syndicat du travail sexuel), ein Interessenverband von Sexarbeiterinnen, der für die Entkriminalisierung und Anerkennung von Sexarbeit als Beruf kämpft. Der Verband lehnt zwar die Zusammenarbeit mit dem RN ab – Sprecher Thierry Schaffauser warf der Partei vor, sich „auf unserem Rücken zu entdämonisieren“ – unterstützt aber grundsätzlich das Anliegen, sichere Arbeitsbedingungen für Sexarbeiter*innen zu schaffen. Das zeige, wie sehr sich die klassischen politischen Fronten in der Prostitutionsthematik verschoben haben.
Symbolpolitik oder Reformimpuls?
Bardellas Vorstoß muss auch im Kontext seiner politischen Strategie gelesen werden. Als junger Parteivorsitzender des RN sucht er nach Themen, mit denen sich die Partei modern und pragmatisch inszenieren kann – ohne ihre autoritäre Grundhaltung aufzugeben. Die Forderung nach Bordellen unter staatlicher Aufsicht könnte dabei helfen, das Image des RN als repressive Ordnungspartei mit einem Schuss „Realismus“ aufzupolieren – insbesondere in den urbanen Milieus, in denen die Partei bisher nur schwer Fuß fasste.
Gleichzeitig bleibt unklar, wie eine solche Reform praktisch aussehen soll. Wie sollen solche Einrichtungen reguliert, finanziert und kontrolliert werden? Wer entscheidet über deren Betrieb, und unter welchen Bedingungen? Der Verweis auf „Kooperativen“ suggeriert Selbstbestimmung – doch in einem Bereich, der von Zwang, Gewalt und Migration geprägt ist, erscheint dies zumindest ambivalent.
Frankreich steht damit erneut vor der Frage, wie es mit dem ältesten Gewerbe der Welt umgehen will – mit einem Spannungsfeld aus Moral, Politik und Markt, das jede einfache Lösung ausschließt. Bardellas Vorschlag wirbelt Staub auf, zwingt aber auch zu einer Debatte, die zu lange in ideologischen Gräben verharrte.
Autor: P. Tiko