In Frankreich sorgt ein Zwischenruf aus dem vermeintlich Privaten für öffentliche Aufregung. Brigitte Macron, Première Dame der Republik, bezeichnete feministische Aktivistinnen als „sales connes“ – sinngemäß: „blöde Weiber“ – und löste damit eine Welle der Empörung aus. Der Hintergrund: Eine Protestaktion feministischer Gruppen gegen den Comédien Ary Abittan, dem zwischenzeitlich Vergewaltigung vorgeworfen wurde, dessen Verfahren jedoch eingestellt wurde. Die Szene wirft ein Licht auf die fragile Grenze zwischen öffentlichem Amt, privater Meinung und der Rolle von Symbolfiguren im politischen Raum.
Zwischen Empörung und Entschuldigung
„S’il y a les sales connes, on va les foutre dehors !“ – „Wenn diese blöden Weiber da sind, werfen wir sie raus!“ So ist Brigitte Macron auf einem Videomitschnitt zu hören, aufgenommen backstage vor einem Auftritt von Ary Abittan. Der Komiker war im Zentrum einer #MeToo-Debatte gestanden, nachdem er 2021 wegen Vergewaltigung angezeigt, später jedoch juristisch rehabilitiert worden war. Bei einer Aufführung einige Tage zuvor hatten Aktivistinnen die Bühne gestürmt, um gegen seine Rückkehr ins Rampenlicht zu protestieren.
Die Worte der Première Dame fielen laut ihrer eigenen Darstellung in einem privaten Gespräch unter vier Augen. Gefilmt wurde die Szene von der Agentur Bestimage, deren Material anschließend ohne Tonprüfung veröffentlicht wurde – unter anderem auf der Seite des Promimagazins Public. In einem Interview mit dem Onlinemedium Brut erklärte Brigitte Macron am 22. September: „Ce n'était absolument pas destiné à être public (...) Je suis désolée si j'ai blessé les femmes victimes.“ Sie bedaure, Opfer von Gewalt verletzt zu haben – distanziere sich jedoch nicht vom Gehalt ihrer Aussage: „Je ne peux pas regretter (…) Je suis avant tout moi-même.“
Das Amt und die Person
Die Affäre rührt an ein zentrales Spannungsfeld: Kann – und darf – sich eine politische Symbolfigur im Privaten „gehen lassen“? Brigitte Macron verweist auf ihre Individualität: Auch wenn sie Ehefrau des Präsidenten sei, bleibe sie „avant tout moi-même“. Eine Auffassung, die in einer mediatisierten Demokratie mit hybriden Rollenbildern zunehmend problematisch wird. Denn das Politische macht auch vor dem Privaten nicht halt – insbesondere, wenn Äußerungen aus dem intimen Raum den Weg in die Öffentlichkeit finden.
Die Soziologin Camille Froidevaux-Metterie (Sciences Po) betont in einem Interview mit Le Monde (2025), dass Brigitte Macron eine ambivalente Position einnehme: „Sie ist keine gewählte Amtsträgerin, aber eine der sichtbarsten Frauen der Republik.“ Gerade in Zeiten, in denen öffentliche Sprache ein entscheidender Teil gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse ist – Stichwort Cancel Culture, Post-MeToo, „safe spaces“ – müsse auch eine First Lady sprachliche Verantwortung übernehmen. Ihre Worte seien nicht einfach „privat“, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen.
Feminismus zwischen moralischer Autorität und öffentlicher Kritik
Die Reaktionen auf Brigitte Macrons Wortwahl fielen erwartungsgemäß heftig aus. Zahlreiche feministische Organisationen verurteilten die Aussagen, unter anderem Nous Toutes und Collectif 50/50, die Brigitte Macron vorwarfen, mit ihren Worten das Anliegen von Gewaltopfern zu delegitimieren. Die Journalistin Rokhaya Diallo sprach von einem „Affront gegenüber allen Frauen, die jahrelang darum kämpfen mussten, dass sexualisierte Gewalt überhaupt ernst genommen wird“.
Gleichzeitig zeigten sich auch Stimmen irritiert über das Vorgehen der Aktivistinnen, die eine künstlerische Veranstaltung störten, obwohl das Verfahren gegen Ary Abittan eingestellt worden war. Der Soziologe Laurent Bouvet († 2021), ein prominenter Vertreter des republikanischen Universalismus, hatte in früheren Debatten betont, dass moralischer Aktivismus nicht zur Ersetzung rechtsstaatlicher Prinzipien führen dürfe – eine Sichtweise, die nun von konservativen Kommentatoren wie Eugénie Bastié (Le Figaro) aufgegriffen wird: „Macron hat das Unangemessene ausgesprochen, was viele vielleicht gedacht haben.“
Die politische Semantik des Fehltritts
Der Skandal ist mehr als eine unbedachte Äußerung: Er zeigt exemplarisch, wie tief sich feministische, gesellschaftliche und politische Konfliktlinien überlagern. In Frankreich, das seit Jahren mit einer gespaltenen Rezeption der #MeToo-Bewegung ringt, entfaltet jeder Vorfall symbolische Sprengkraft. Prominente Unterstützerinnen von #MeToo, wie die Schauspielerin Adèle Haenel, haben sich aus der Branche zurückgezogen. Gleichzeitig bleibt ein Teil des kulturellen Establishments – darunter Catherine Deneuve oder Juliette Binoche – skeptisch gegenüber „einem Klima des Verdachts“.
Dass Brigitte Macron nun jene kritisiert, die ihrer Meinung nach über das Ziel hinausschießen, ist also auch Ausdruck eines tieferen gesellschaftlichen Risses. Ihr Dilemma liegt darin, dass sie einerseits als Beschützerin der republikanischen Würde auftritt – aber zugleich kein offizielles Mandat hat, das sie politisch legitimiert.
Frankreichs öffentliche Sprache befindet sich in einem Zustand erhöhter Spannung. In einer Ära der Empörungskultur wird das Gesagte stets auch politisch gelesen – gerade dann, wenn es vermeintlich privat war. Ob Brigitte Macrons Entschuldigung als glaubwürdig empfunden wird, hängt weniger vom Kontext als vom Klima der Debatte ab. Die „sales connes“-Affäre zeigt: Worte haben Macht – selbst dann, wenn sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.
Autor: P. Tiko