Mehr als 61.000 neue Fälle pro Jahr: Brustkrebs bleibt in Frankreich die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Medizinisch hat sich die Lage in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Die Sterblichkeit sinkt, die Überlebenschancen steigen. Doch ausgerechnet bei der Früherkennung zeigt sich ein hartnäckiges Problem: Immer weniger Frauen nehmen am organisierten Screening teil.
Die Zahlen verdeutlichen die Dimension. Für 2023 wurden im französischen Mutterland 61.214 neue Brustkrebsfälle geschätzt. Damit entfällt rund ein Drittel aller neu diagnostizierten Krebserkrankungen bei Frauen auf Brustkrebs. Zugleich bleibt die Erkrankung die häufigste krebsbedingte Todesursache unter Frauen.
Und doch steckt in der Statistik auch eine Erfolgsgeschichte.
Zwischen 1990 und 2023 stieg die standardisierte Neuerkrankungsrate von 72,8 auf 99,2 Fälle je 100.000 Frauen. Gleichzeitig verbesserte sich die Prognose erheblich. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei Frauen, deren Diagnose zwischen 2010 und 2015 gestellt wurde, bei 88 Prozent. Bei Patientinnen der Diagnosejahrgänge 1989 bis 1993 waren es noch etwa 80 Prozent.
Ein wesentlicher Faktor ist die frühere Entdeckung von Tumoren. Frankreich führte 2004 ein landesweites organisiertes Früherkennungsprogramm ein. Frauen zwischen 50 und 74 Jahren erhalten alle zwei Jahre eine Einladung zur Mammografie samt klinischer Untersuchung der Brust. Eine Besonderheit des französischen Systems: Mammografien, die bei der ersten Auswertung unauffällig erscheinen, erhalten eine zweite Begutachtung.
Die Idee dahinter ist ebenso schlicht wie medizinisch entscheidend. Je kleiner und lokalisierter ein Tumor bei seiner Entdeckung ist, desto größer sind in der Regel die therapeutischen Möglichkeiten und die Chancen auf einen günstigen Krankheitsverlauf.
Das Screening ersetzt allerdings nicht den Arztbesuch bei auffälligen Veränderungen. Ein tastbarer Knoten, Veränderungen an Brust oder Brustwarze, ungewöhnlicher Ausfluss oder länger anhaltende Hautveränderungen sollten medizinisch abgeklärt werden.
Das eigentliche französische Problem liegt inzwischen an anderer Stelle: Frauen müssen das Angebot auch nutzen.
Im Juli 2026 veröffentlichte Zahlen zeigen, dass die standardisierte Teilnahmequote 2024 lediglich 43,9 Prozent und 2025 rund 47,5 Prozent erreichte. Über beide Jahre hinweg ergibt sich ein Wert von 45,7 Prozent. Zwei Jahre zuvor waren es noch 46,6 Prozent. Fast fünf Millionen Frauen nahmen 2024 und 2025 am organisierten Programm teil – doch der längerfristige Trend zeigt nach unten.
Besonders auffällig sind die regionalen Unterschiede. In der Île-de-France lag die Teilnahme 2024 und 2025 bei lediglich 34,6 Prozent, in Paris sogar bei 27,2 Prozent. Allerdings erfassen diese Zahlen ausschließlich das organisierte Programm. Mammografien außerhalb dieses Systems tauchen darin nicht auf. Ein vorschnelles Urteil wäre deshalb fehl am Platz.
Hinter der schwachen Beteiligung stehen unterschiedliche Ursachen: lange Wartezeiten, weniger spezialisierte radiologische Angebote in manchen Regionen, soziale Unterschiede beim Zugang zur Vorsorge und persönliche Zweifel am Screening. Anders gesagt: Eine Einladung im Briefkasten hilft wenig, wenn der nächste geeignete Termin gefühlt am Sankt-Nimmerleins-Tag liegt.
Frankreich versucht deshalb, seine Strategie neu auszurichten. Die zweite Etappe der nationalen Zehnjahresstrategie gegen Krebs umfasst die Jahre 2026 bis 2030. Bis Ende 2027 sollen unter anderem sämtliche Krankenhaus-Radiologen für das organisierte Brustkrebs-Screening geschult sein. Dadurch soll das Angebot wachsen und der Zugang erleichtert werden.
Auch künstliche Intelligenz rückt ins Blickfeld. Frankreich prüft, welche Rolle KI künftig bei der Auswertung von Mammografien spielen könnte. Von einem flächendeckenden Einsatz ist das Land allerdings noch entfernt. Zunächst müssen Leistungsfähigkeit, praktische Anwendung sowie Fragen der Qualität und des gleichberechtigten Zugangs geklärt werden.
Parallel gewinnt eine stärker individualisierte Früherkennung an Bedeutung. Statt allein das Alter als Maßstab heranzuziehen, könnten künftig persönliche Risikofaktoren stärker berücksichtigt werden. Europäische Forschungsprojekte wie MyPeBS sowie das französische Programm Interception untersuchen entsprechende Modelle.
Damit erhält auch der „Octobre Rose“, der französische Rosa Oktober, eine neue Bedeutung. Der rosa Schleifenanhänger ist längst vertraut, Gebäude leuchten im Oktober rosa, Benefizläufe und Informationskampagnen gehören zum öffentlichen Leben.
Doch Sichtbarkeit allein reicht nicht.
Frankreich besitzt ein strukturiertes Screeningprogramm, leistungsfähige Krebsmedizin und Therapien, die die Überlebenschancen erheblich verbessert haben. Gleichzeitig erinnern mehr als 61.000 neue Diagnosen pro Jahr daran, dass Brustkrebs keineswegs seinen Schrecken verloren hat.
Die entscheidende Aufgabe liegt deshalb hinter dem rosa Symbol: Eine Frau, die sich untersuchen lassen möchte, braucht einen erreichbaren Termin – unabhängig von Wohnort oder sozialer Situation. Erst wenn aus Aufmerksamkeit tatsächlicher Zugang zur Vorsorge entsteht, erfüllt der Rosa Oktober seinen wichtigsten Zweck.
C. Hatty