Calvi, das malerische Küstenstädtchen im Nordwesten Korsikas, steht derzeit nicht nur wegen seiner azurblauen Buchten und schneeweißen Strände im Rampenlicht. Sondern wegen einer beunruhigenden Serie mutmaßlich mafiös motivierter Brandanschläge – mitten im Countdown zur Urlaubssaison.
Tourismus im Fadenkreuz
Innerhalb weniger Tage wurden gleich mehrere gezielte Attacken auf touristische Infrastruktur verübt. Der schwerste Vorfall: In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni brannte nahe dem Flughafen von Calvi die Mietwagenstation „Rent a Car“ nahezu vollständig aus. Zwei Bürocontainer, eine Terrasse und fünf Fahrzeuge – darunter zwei Hybridautos – fielen den Flammen zum Opfer. Weitere Fahrzeuge wurden stark beschädigt. Die Feuerwehr war zwar rasch zur Stelle, doch der Schaden war da längst angerichtet.
Nur wenige Tage zuvor, am 3. Juni, hatte es bereits den Yachthafen von Calvi getroffen. Dort gingen fünf Boote von drei verschiedenen Ausflugsunternehmen in Flammen auf. Und als wäre das nicht genug, brannte tags darauf auch noch ein 23 Meter langer Katamaran nieder, der für Touristentouren genutzt wurde. Die Botschaft scheint klar: Hier will jemand ein Zeichen setzen – mit Feuer.
Betroffene stehen fassungslos vor den Trümmern
„Man steht da und schaut zu, wie alles, wofür man jahrelang gearbeitet hat, einfach verbrennt“, sagte Antoine Sassias, der Kapitän des zerstörten Katamarans „Dolce Vita“. Eine Mischung aus Wut, Trauer und Ohnmacht liegt in seinen Worten.
Auch Mylène Beretti, Mitinhaberin der Firma „Giru Mare“, deren Boote Ziel der Anschläge wurden, bringt es auf den Punkt: „Wir hätten nie gedacht, dass wir mal Zielscheibe werden. Wir sind von hier, wir kennen alle – und plötzlich ist man dran.“ Ein Gefühl von Verrat liegt in der Luft – wie ein kühler Windstoß auf einer eigentlich warmen Insel.
Mafia lässt grüßen?
Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Laut Polizei wurden an den Tatorten Benzinkanister gefunden – ein klares Indiz für vorsätzliche Brandstiftung. Insider sprechen davon, dass die Vorgehensweise stark an das Korsische Milieu des organisierten Verbrechens erinnert.
Vincent Carlotti vom Anti-Mafia-Kollektiv „Maffia Nò A Vita Iè“ sieht die jüngsten Ereignisse ebenfalls als gezielte Aktion: „Das ist kein Zufall – das ist organisiert“, meint er. Vor allem der Konkurrenzkampf um die lukrativen Einnahmen im Bereich der Bootsausflüge gerät ins Visier.
Justizminister reagiert – neue Spezialeinheit gegen die Mafia
Frankreichs Justizminister Darmanin hat ein klares Signal gesetzt. Während eines Besuchs in Bastia kündigte er an, dass ein neuer regionaler Justizpool speziell gegen organisierte Kriminalität eingerichtet werde. 17 zusätzliche Staatsanwälte sollen bis 2027 die Ermittlungen in Fällen wie Erpressung und Mafiaaktivitäten übernehmen.
Ein Schritt, der längst überfällig scheint – denn viele solcher Fälle blieben bislang schlicht liegen. Die Hoffnung: Den Tätern endlich das Handwerk legen, bevor sie Korsikas Image und Wirtschaft vollends ruinieren.
Trotz der dramatischen Vorfälle bleibt Calvis Bürgermeister Ange Santini betont gelassen. Er sehe keine unmittelbare Gefahr für die Saison, da die meisten Buchungen ohnehin bereits erfolgt seien. Aber er warnt auch: „Dieses Klima der Gewalt saugt Korsika wie ein Strudel in die Tiefe.“
Weniger diplomatisch zeigt sich die Handelskammer von Korsika. In einem offenen Schreiben fordert sie die schnelle Ausschaltung der Täter – andernfalls drohe ein Kollaps des wirtschaftlichen Herzschlags der Insel. Die ohnehin durch Inflation und geopolitische Krisen geschwächte Tourismusbranche könne sich eine solche Serie von Angriffen schlicht nicht leisten.
Ein drohender Flächenbrand
Die große Frage bleibt: Wer steckt dahinter – und was genau ist das Motiv? Geld? Macht? Einschüchterung?
Was bisher wie eine Kette unzusammenhängender Taten wirkte, nimmt nun die Form einer gezielten Strategie an. Eine Strategie, die nicht nur Boote und Autos verbrennt, sondern auch Vertrauen, Lebenswerke und das Gefühl von Sicherheit.
Ein Tourist sagte beim Anblick der rauchenden Wracks im Hafen: „Ich dachte, sowas passiert nur in Filmen – und jetzt stehe ich mittendrin.“ Seine Worte klingen wie ein Echo auf das, was viele Einheimische denken, aber nicht auszusprechen wagen.
Klar ist: Solange die Täter nicht gefasst sind, bleibt die Angst. Und der Tourismus – dieses fragile wirtschaftliche Rückgrat der Insel – balanciert auf einem dünnen Seil über dem Abgrund.
Von Daniel Ivers