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Cannes im Schockzustand: Wie ein betrunkener Fahrer das Leben einer Familie zerstörte

Es ist ein milder Herbstabend in Cannes. Menschen gehen einkaufen, die Straßen sind belebt, Stimmen vermischen sich mit dem Schein der Straßenlaternen. Nichts deutet auf das hin, was wenige Minuten später das Leben dreier Menschen – und die Ruhe einer ganzen Stadt – erschüttern wird. Ein SUV rast durch die Stadt. Auf dem Boulevard Carnot,…

Illustration Mat Napo

Es ist ein milder Herbstabend in Cannes. Menschen gehen einkaufen, die Straßen sind belebt, Stimmen vermischen sich mit dem Schein der Straßenlaternen. Nichts deutet auf das hin, was wenige Minuten später das Leben dreier Menschen – und die Ruhe einer ganzen Stadt – erschüttern wird.

Ein SUV rast durch die Stadt.

Auf dem Boulevard Carnot, einer der meistbefahrenen Straßen der Küstenmetropole, steigt eine 35-jährige Mutter gerade aus dem Auto. Sie lädt ihre Einkäufe aus. Neben ihr: ihre zwölfjährige Tochter und die 14-jährige Nichte. Dann geschieht das Unfassbare. Mit brutaler Wucht erfasst der SUV alle drei.

Die Szene, die sich kurz vor 21 Uhr am 31. Oktober abspielt, ist so heftig, dass selbst massive Straßenbegrenzungen meterweit weggeschleudert werden. „Man hörte einen gewaltigen Knall, dann Schreie – so laut, dass ich sofort losrannte“, berichtet ein Zeuge. „Als ich das Ausmaß sah, holte ich mein Handy und rief sofort die Feuerwehr.“

Die Mutter wird in den Kofferraum ihres Fahrzeugs geschleudert. 40 Minuten dauert es, bis die Rettungskräfte sie befreien können.

Flucht statt Hilfe

Der Fahrer? Betrunken. 22 Jahre alt. Keine Vorstrafen, aber offensichtlich ohne Kontrolle über sein Handeln. Nach der Kollision leistet er nicht etwa Hilfe – er flieht. Kurz darauf verliert er erneut die Kontrolle über sein Fahrzeug, prallt gegen einen Mittelstreifen und wird kurz darauf von der Polizei festgenommen.

Wie in Trance verfolgt die Nachbarschaft das Drama, viele stehen noch unter Schock. „Wir wohnen zwei Minuten entfernt. Jeden Tag gehen wir hier vorbei, auf dem Weg zum Park“, sagt eine junge Mutter. „Jetzt haben wir Angst. Weil man merkt: Es reicht ein Moment, ein unvernünftiger Mensch – und alles ist anders.“

Zwischen Leben und Tod

Am folgenden Abend, dem 1. November, liegt die Mutter noch immer im Koma. Ihr Zustand ist kritisch. Die Nichte, 14 Jahre alt, erlitt ebenfalls schwerste Verletzungen – ihr Bein ist so stark beschädigt, dass eine Amputation droht. Nur das zwölfjährige Mädchen scheint glimpflich davongekommen zu sein, körperlich zumindest. Denn was sie gesehen hat, wird sie wohl ihr Leben lang begleiten.

Eine Region am Limit

Es ist kein Einzelfall. Auf den Straßen des Departements Alpes-Maritimes zählen die Behörden in diesem Jahr bereits 37 Verkehrstote. Ein Großteil davon geht auf rücksichtsloses Fahren, Alkohol und Drogen zurück – oft in Kombination mit Fahrerflucht.

Bruno Bartotecci, Polizeisprecher für die Region Süd, erklärt: „Wir sehen immer häufiger, dass Unfallverursacher fliehen, weil sie entweder keinen Führerschein oder keine Versicherung haben – oder unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen. Und nicht selten trifft beides zu.“

Es ist ein toxischer Mix aus Verantwortungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit – und Gesetzesverachtung.

Wenn Verantwortung auf der Strecke bleibt

Das Entsetzen sitzt tief, weil es jede und jeden treffen kann. Familien, die gerade vom Einkauf zurückkommen. Kinder auf dem Schulweg. Fußgänger, die sich sicher wähnen, weil sie sich an Regeln halten – während andere sie in Sekundenbruchteilen zunichtemachen.

Die Justiz hat umgehend eine Untersuchung eingeleitet. Der junge Mann wurde zunächst in eine Ausnüchterungszelle gebracht, befindet sich mittlerweile in Polizeigewahrsam. Über Anklage, Prozess oder Strafe ist noch nichts bekannt.

Wie schützt man sich vor dem Unvorhersehbaren?

Man kann sich anschnallen, Ampeln beachten, auf Zebrastreifen achten. Doch wie schützt man sich vor jemandem, der mit total betrunken durch die Stadt brettert? Der keinen Führerschein braucht, um sich unbesiegbar zu fühlen?

Vielleicht ist das die bitterste Erkenntnis dieser Geschichte.

Denn in einer Gesellschaft, in der Regeln nicht mehr zu gelten scheinen, ist niemand mehr sicher. Nicht auf dem Boulevard Carnot. Nicht in Cannes. Nicht anderswo.

Autor: Daniel Ivers