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„Chez nous, on tue le plus“ – Wie Korsika im schon Klassenzimmer gegen die Mafia kämpft

„Bei uns wird am meisten gemordet.“ Ein Satz, der hängen bleibt. Nicht, weil er aus einem düsteren Thriller stammt, sondern weil ihn ein Jugendlicher im Unterricht ausspricht. Auf Korsika, jener Insel zwischen Postkartenidylle und Polizeiberichten, gehört diese bittere Selbstbeschreibung für viele Heranwachsende zum Alltag. Die Zahlen sprechen seit Jahren eine nüchterne Sprache: Gemessen an der…

Illustration: Kenny Eliason

„Bei uns wird am meisten gemordet.“

Ein Satz, der hängen bleibt. Nicht, weil er aus einem düsteren Thriller stammt, sondern weil ihn ein Jugendlicher im Unterricht ausspricht. Auf Korsika, jener Insel zwischen Postkartenidylle und Polizeiberichten, gehört diese bittere Selbstbeschreibung für viele Heranwachsende zum Alltag. Die Zahlen sprechen seit Jahren eine nüchterne Sprache: Gemessen an der Bevölkerungszahl liegt die Mordrate deutlich über dem französischen Durchschnitt, viele Taten stehen im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität.

Nun greift die Insel zu einem Mittel, das ebenso schlicht wie radikal ist: Aufklärung – und zwar früh. Bereits im Collège, also ab der sechsten Klasse, beginnen spezielle Anti-Mafia-Kurse. Was in Sizilien seit Langem Teil zivilgesellschaftlicher Initiativen ist, wagt nun auch Frankreich – ausgerechnet auf jener Insel, die lange als Synonym für eine ganz eigene Spielart der Unterwelt galt.

Die Idee dahinter wirkt fast unspektakulär. Man wolle Mythen entzaubern, heißt es aus der Bildungsverwaltung. Doch wer genauer hinsieht, erkennt die Sprengkraft dieses Vorhabens. Denn die Mafia ist auf Korsika nicht nur ein kriminelles Phänomen, sondern auch ein Erzählmuster. Sie taucht auf in Gesprächen am Hafen von Ajaccio, in Familienanekdoten, in halblauten Warnungen. Mal schwingt Faszination mit, mal Resignation. Man kennt jemanden, der jemanden kennt – Sie wissen schon.

Über Jahrzehnte prägten Gruppierungen wie die „Brise de mer“ das Bild der korsischen Unterwelt. In den 1970er-Jahren in Bastia entstanden, entwickelte sich dieses Netzwerk zu einer einflussreichen Organisation mit Verbindungen ins Glücksspiel, in Immobiliengeschäfte, in internationale Geldwäsche. Namen, die in den Lokalnachrichten fielen, wurden zu Chiffren einer Parallelmacht. Auch wenn diese Struktur heute zerschlagen ist, folgten neue Netzwerke. Revierkämpfe um Bauprojekte, Müllentsorgung oder das Nachtleben fordern immer wieder Opfer.

Für Jugendliche bedeutet das: Sie wachsen in einer Atmosphäre auf, in der Gewalt kein abstraktes Fernsehphänomen ist. Sie sehen ausgebrannte Autos am Straßenrand, hören von gezielten Schüssen in der Nacht. Das prägt. Und es schafft ein Narrativ, das gefährlich verführerisch sein kann. Der „Mann der Ehre“, der sich gegen den Staat behauptet, der für seine Familie sorgt, der Stärke demonstriert – solche Bilder halten sich hartnäckig. Ganz ehrlich: Für manche Teenager klingt das erst mal nach Macht.

Genau hier setzen die Unterrichtsmodule an. Staatsanwälte, Ermittler, Historiker und Soziologen arbeiten an den Inhalten mit. Es geht nicht um moralische Predigten, sondern um Analyse. Wie entstehen mafiöse Strukturen? Welche ökonomischen Mechanismen stecken hinter Schutzgelderpressung und Geldwäsche? Wer zahlt den Preis für Schweigen und Angst? Und was bedeutet Omertà in einer kleinen, eng vernetzten Gesellschaft wirklich?

Die Antworten sind weniger glamourös, als es Filme suggerieren. Einschüchterung zerstört Existenzen. Korruption verzerrt Märkte. Gewalt hinterlässt Familien ohne Väter, ohne Brüder. Die Mafia erscheint hier nicht als rebellischer Mythos, sondern als System, das auf Abhängigkeit baut – und auf dem Schweigen der Vielen.

Die Omertà, oft folkloristisch verklärt, entfaltet gerade auf einer Insel mit starkem Gemeinschaftssinn besondere Wirkung. Wer spricht, riskiert Ausgrenzung. Vielleicht mehr. Diese soziale Dynamik offen zu thematisieren, verlangt Mut – von Lehrern ebenso wie von Schülern. Doch genau darin liegt die Chance. Diskussionen im Klassenraum schaffen einen Raum, in dem Zweifel artikuliert werden dürfen.

Ein Lehrer aus Ajaccio beschreibt die Atmosphäre als intensiv. Manche Jugendliche äußern erstmals ihre Wut über die Gewalt, die ihre Heimat prägt. Andere gestehen, dass sie lange eine gewisse Bewunderung für „mächtige Männer“ empfunden hätten. Solche Sätze fallen nicht leicht. Aber sie markieren einen Anfang.

Dabei berührt das Projekt auch die Frage nach Identität. Korsika pflegt ein starkes regionales Selbstbewusstsein, mit eigener Sprache, eigener Geschichte, eigenem politischen Anspruch. Niemand möchte, dass die Insel auf Schießereien reduziert wird. Zugleich lässt sich die Realität nicht wegerzählen. Die Bildungsinitiative sendet ein Signal: Die korsische Gesellschaft ist mehr als ihre kriminellen Netzwerke. Sie definiert sich nicht über Gewalt, sondern über die Fähigkeit zur Selbstkritik.

Repression allein reicht nicht aus. Zusätzliche Polizeieinheiten, spezialisierte Ermittler – all das bleibt notwendig. Doch Prävention greift tiefer. Sie wirkt leise, fast unspektakulär, und entfaltet ihre Kraft erst über Jahre hinweg. Bildung verändert Mentalitäten. Und Mentalitäten formen das Klima, in dem Kriminalität entweder gedeiht oder an Rückhalt verliert.

Natürlich wird kein Unterrichtsmodul die Strukturen organisierter Kriminalität über Nacht zerschlagen. Dafür sind die wirtschaftlichen Interessen zu groß, die Verflechtungen zu komplex. Aber wenn ein Vierzehnjähriger nach einer Debatte sagt, er habe verstanden, dass „Ehre“ nichts mit Mord zu tun hat, dann verschiebt sich etwas. Vielleicht nur ein kleines Stück. Doch viele kleine Verschiebungen können eine Gesellschaft in Bewegung setzen.

Korsika steht damit an einem Wendepunkt. Zwischen türkisfarbenem Meer und dunklen Schlagzeilen sucht die Insel nach einem neuen Narrativ. Nicht als Opfer einer gewalttätigen Tradition, sondern als Gemeinschaft, die ihre Mythen überprüft – und neu erzählt.

Vielleicht wird dann eines Tages ein anderer Satz im Klassenzimmer fallen. Nicht mehr: „Chez nous, on tue le plus.“ Sondern: „Chez nous, on a choisi autrement.“

Autor: C.H.

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