Kultur

Cristian Mungius “Fjord”: Ein Krimi über die Risse einer radikalisierten Gesellschaft

Mit "Fjord" ist die Goldene Palme von Cannes in den französischen Kinos angelaufen. Cristian Mungiu erzählt von einer Familie zwischen Norwegen und Rumänien - und von einer Debatte, in der jede Gewissheit zur Kampfansage…

Paris – 23.08.2026: Seit dem 19. August läuft Cristian Mungius neuer Film "Fjord" in den französischen Kinos. Das Drama, im Mai mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet, trägt die Nervosität eines Krimis in sich: Aus einem Verdacht auf Gewalt entsteht ein Konflikt, in dem familiäre Bindungen, staatliche Fürsorge und religiöse Überzeugungen unversöhnlich aufeinanderprallen.

Mungiu verlegt die Geschichte nach Norwegen und folgt einem rumänisch-norwegischen Paar, dessen Kinder aus der Familie genommen werden. Sebastian Stan und Renate Reinsve spielen Eltern aus einem evangelikalen Milieu, die sich plötzlich einer Fürsorgeinstitution, einem fremden Rechtssystem und dem Urteil ihres Umfelds gegenübersehen. Die Behörden berufen sich auf das Kindeswohl; die Eltern erleben das Verfahren als existenziellen Übergriff. Der Film verweigert seinem Publikum die Gewissheit, eine Seite müsse vollständig im Recht sein.

Der Titel verweist auf die norwegische Landschaft. Doch das Wasser zwischen den steilen Felswänden dient hier nicht als Postkartenkulisse. Es trennt Sprachen, Haltungen und Vorstellungen davon, was Schutz, Autorität und Freiheit bedeuten. Mungiu nutzt diese Gegensätze für ein Sozialdrama, dessen Spannung weniger aus äußeren Ereignissen als aus wachsendem Misstrauen entsteht.

Der Stoff erinnert an den Fall der rumänisch-norwegischen Familie Bodnariu, deren Kinder 2015 vom norwegischen Jugendamt anderweitig untergebracht wurden. Die Auseinandersetzung mobilisierte konservative und religiöse Gruppen weit über Norwegen hinaus. In Rumänien wurde sie Teil einer erbitterten Kontroverse über Familie, nationale Identität und europäische Werte. Mungiu rekonstruiert den Fall nicht dokumentarisch, sondern nutzt ihn als Resonanzraum für die Polarisierung der Gegenwart.

Der Regisseur versteht "Fjord" als Plädoyer gegen Fundamentalismus. Seine Diagnose einer radikalisierten Gesellschaft reicht über die Konfrontation zwischen religiösem Milieu und liberalem Wohlfahrtsstaat hinaus. Sie beschreibt die Versuchung, moralische Überzeugung in absolute Gewissheit zu verwandeln und darüber die Verletzlichkeit der Gegenseite aus dem Blick zu verlieren. Die Kamera bleibt dabei aufmerksam für Gesichter, Pausen und Ratlosigkeit.

Diese Haltung macht den Film stark und angreifbar. Manche Kritiker erkennen darin eine scharfe Abrechnung mit politischer Korrektheit; andere würdigen, dass Mungiu weder institutionelle Macht noch familiäre Gewalt vorschnell entschuldigt. Sein Kino hält die Figuren in ihren Widersprüchen aus, anstatt sie durch eindeutige Urteile zu entlasten.

Mit "Fjord" erhielt Mungiu nach "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" von 2007 seine zweite Goldene Palme. Damit gehört er zu dem kleinen Kreis von Regisseuren, die Cannes zweimal mit der höchsten Auszeichnung ehrte. Der Film nutzt dieses Prestige nicht als Gütesiegel, sondern fordert ein Publikum, das Eindeutigkeit erwartet und mit Ambivalenz konfrontiert wird.

Quellen

  • Franceinfo
  • Festival de Cannes
  • Associated Press
  • Le Monde

Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).

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