Nur wenige Kilometer von Saumur entfernt präsentiert sich das Château de Brézé zunächst so, wie man sich ein Schloss an der Loire vorstellt. Elegante Türme, helle Fassaden aus Tuffstein, ein herrschaftlicher Innenhof und Weinberge ringsum – eigentlich fehlt nur noch eine Kutsche, die über den Kies rumpelt.
Doch wer Brézé wirklich entdecken möchte, darf nicht nach oben schauen.
Er muss hinabsteigen.
Unter Gärten, Innenhof und Schlossgebäuden liegt eine zweite Welt. Fast vier Kilometer Gänge, Räume, Keller und Kammern ziehen sich durch den weichen Tuffstein. Mehr als ein Kilometer davon steht Besuchern offen. Brézé ist deshalb weit mehr als eines der vielen prächtigen Schlösser im Loiretal.
Es ist ein Schloss über einem Schloss.
Eine Festung, die niemand sehen sollte
Die Geschichte reicht bis weit ins Mittelalter zurück. Bereits 1063 erwähnt eine Urkunde der Abtei Saint Florent eine Burg in Brézé. Mit den eleganten Schlossbauten, die heute über dem Gelände thronen, hatte diese frühe Anlage allerdings wenig gemeinsam.
Ihr Herz lag unter der Erde.
Die sogenannte „Roche de Brézé“ befindet sich unter dem heutigen Ehrenhof und reicht stellenweise etwa elf Meter tief in den Felsen. Rund um einen Lichtschacht entstand ein erstaunliches System aus Räumen und Gängen.
Hier ging es nicht um Schönheit.
Hier ging es ums Überleben.
Enge, verwinkelte Passagen erschwerten Angreifern das Vordringen. Schießstände sicherten wichtige Zugänge. Große Silos dienten zur Lagerung von Vorräten für den Fall einer Belagerung.
Warum hohe Mauern bauen, wenn sich eine Festung einfach im Felsen verstecken lässt?
Brézé erscheint aus heutiger Sicht beinahe wie ein mittelalterlicher Bunker – nur ohne Beton, Neonlicht und schwere Stahltüren.
18 Meter hinab
Im 14. Jahrhundert gelangte das Anwesen an die Familie Maillé Brézé. Gilles de Maillé Brézé erhielt 1448 die Erlaubnis, die Anlage zu befestigen und dort eine Garnison unterzubringen.
Damals entstanden gewaltige trockene Gräben.
An manchen Stellen reichen sie fast 18 Meter in die Tiefe. Wer unten steht und zu den Fassaden hinaufblickt, erlebt das Schloss plötzlich aus einer völlig anderen Perspektive. Die eleganten Mauern wirken von hier aus geradezu monumental.
Dabei folgten die Bauherren einer ziemlich cleveren Idee.
Die Gräben verbesserten nicht nur die Verteidigung. Der herausgeschlagene Tuffstein lieferte zugleich Baumaterial für die Gebäude darüber.
Das sichtbare Brézé entstand also teilweise aus dem Gestein des unsichtbaren Brézé.
Eine kleine Stadt im Felsen
Doch unter der Erde wurde nicht nur gekämpft und Schutz gesucht.
Dort wurde gearbeitet, gebacken, gelagert und Wein produziert.
Besucher entdecken eine große unterirdische Bäckerei mit mehreren Öfen. Dazu kommen eine historische Seidenraupenzucht, Weinpressen, Lagerräume und weitläufige Keller.
Kurz gesagt: Da unten war ordentlich was los.
Gerade diese Räume erzählen besonders anschaulich vom Alltag früherer Jahrhunderte. Ein Schloss bestand schließlich nicht nur aus Adeligen, Festessen und kostbaren Möbeln. Lebensmittel mussten gelagert, Tiere versorgt, Trauben verarbeitet und Menschen ernährt werden.
Der Wein spielt in Brézé bis heute eine besondere Rolle. Bereits im 15. Jahrhundert genossen die Weine des Gutes einen guten Ruf. Heute umfasst der Weinberg mehr als 27 Hektar, auf denen Weine der Appellation Saumur entstehen.
Zwei Gesichter der Macht
Während unter der Erde diese verborgene Welt fortbestand, veränderte sich das Schloss darüber immer wieder. Aus der mittelalterlichen Festung entwickelte sich eine Renaissance Residenz. Im 19. Jahrhundert kamen umfangreiche neugotische Umbauten hinzu.
So entstanden zwei völlig unterschiedliche Welten.
Oben zeigt sich Macht: Türme, Fassaden, Wohnräume und repräsentative Architektur.
Unten zeigt sich ihre verletzliche Seite: Vorräte schützen, Angriffe abwehren, Wein lagern und schwierige Zeiten überstehen.
Welches Schloss erzählt diese beiden Seiten seiner Geschichte schon so deutlich?
Seit 1998 steht Brézé Besuchern offen. Mehr als 100.000 Menschen kommen inzwischen jedes Jahr hierher. Doch das eigentliche Geheimnis liegt nicht allein in den kilometerlangen Gängen.
Es liegt in den Schichten der Geschichte.
Fast tausend Jahre lang hinterließ jede Epoche ihr eigenes Brézé: mittelalterlicher Zufluchtsort, Festung, Renaissance Schloss, neugotische Residenz und Weingut.
Wer nach dem Rundgang wieder aus den kühlen Galerien auftaucht und in den hellen Ehrenhof tritt, sieht das Schloss mit anderen Augen.
Denn in Brézé liest man Geschichte nicht nur von links nach rechts.
Man liest sie von unten nach oben.
Ein Artikel von M. Legrand