Am gestrigen Freitag habe ich in nachrichten.fr darüber geschrieben, warum der 11. November in Frankreich ein Feiertag ist. Ich möchte also darauf nicht mehr eingehen, sondern hier ein paar weitergehende Bemerkungen und Überlegungen mit dir teilen.
In ganz Frankreich werden an diesem Tag Gedenkfeiern abgehalten. Aber der 11. November gilt nicht mehr nur als Tag der Erinnerung an den Waffenstillstand am Ende des 1. Weltkrieges und des Gedenkens seiner vielen Gefallenen.
An diesem Tag wird inzwischen der Toten aller Kriege gedacht, an denen französische Soldaten beteiligt waren und sind. Dazu gehören also auch Kolonialkriege (Indochina, Algerien) und internationale Einsätze (Afghanistan, Libyen, Mali). Diese Vermischung ganz unterschiedlicher Kriege ist nicht ganz unproblematisch, wie von einigen Historikern kritisch angemerkt wurde. Es mache einen Unterschied, ob ein Krieg im Namen der Freiheit (wie gegen die deutsche Besatzung im 2. WK) oder im Namen kolonialistischer Herrschaft geführt werde. Trotz solcher Bedenken ist die Erweiterung des Gedenkens Grundlage der Feiern des 11. November.
Die französischen Frontsoldaten des 1. WKs wurden poilus (wörtl.: „Behaarte“) genannt. 2008 ist der letzte der poilus gestorben. Noch lange wird man ihrer gedenken. Das Grabmal des unbekannten Soldaten mit der ewigen Flamme, die seit dem 11. November 1923 um 18:30 Uhr ununterbrochen brennt, wird weiterhin seine Bedeutung als Stätte des Gedenkens haben.
Allerdings tauchen an solchen Stätten immer auch Fragen auf, auf die es keine einfache Antwort gibt. Schon 1925 schrieb der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar* angesichts des Mals:
„‚Mort pour la patrie‘ (gestorben für das Vaterland) steht eingemeißelt auf der steinernen Platte. Wer weiß, ob das stimmt? Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mort par la patrie (gestorben durch das Vaterland). Vielleicht war der letzte Gedanke des Mannes da unten ein Fluch gegen die Gewalten, die ihn zum Helden gepresst hatten. (…) Vielleicht hat er sich einen Teufel um die gloire (den Ruhm) geschert, hätte das verborgene Dasein dem offiziellen Grabmal vorgezogen und nicht für alle Trimphbogen der Erde dreingewilligt, dass man ihm sein zeitlich Flämmchen ausblase, um ihm ein ewiges, gasgenährtes anzuzünden.“
Pazifisten verweigerten (und verweigern) die Teilnahme an solchen Feiern. Ihr Credo heißt: „À bas la guerre!“ (Nieder mit dem Krieg!)
Für viele allerdings ist dieser als jour du souvenir (Gedenktag) eingerichtete 11. November ganz profan zu einem freien Tag geworden, an dem man ausruhen, ein Museum besuchen oder shoppen kann (viele Geschäfte sind v. a. in den größeren Städten geöffnet). Oder man nutzt den Feiertag in passenden Jahren als Brückentag und genießt ein langes Wochenende. Das geht allerdings nicht mit schulpflichtigen Kindern, denn diese haben am 11. November Unterricht.
Und während in Frankreich am 11.11. um 11:00 Uhr die Glocken läuten, wird in Deutschland am 11.11. um 11:11 die Karnevalssaison eröffnet. Was für ein Kontrast!
Das kann zu denken geben ...
Deine Elisa
* Alfred Polgar, Der Unbekannte Soldat (1924). Aus: dtv Reise Textbuch Paris dtv 3902, München 1990, S. 189/190. Alfred Polgar musste als österreichischer Jude und linksliberaler Antifaschist vor den Nazis fliehen, zunächst nach Paris, dann in die USA.