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Der letzte Patriarch der Pariser Rechten – Jean Tiberi ist tot

Jean Tiberi, ehemaliger Bürgermeister von Paris und Symbolfigur der konservativen Hauptstadtpolitik, ist am 27. Mai 2025 im Alter von 90 Jahren gestorben. Mit ihm endet ein Kapitel der Pariser Geschichte – eines, das von ehrgeizigen städtebaulichen Visionen, langjähriger Macht und nicht zuletzt von dunklen Schatten geprägt war. Geboren am 30. Januar 1935 in Paris, mit…

Jean Tiberi (Wikipedia)

Jean Tiberi, ehemaliger Bürgermeister von Paris und Symbolfigur der konservativen Hauptstadtpolitik, ist am 27. Mai 2025 im Alter von 90 Jahren gestorben. Mit ihm endet ein Kapitel der Pariser Geschichte – eines, das von ehrgeizigen städtebaulichen Visionen, langjähriger Macht und nicht zuletzt von dunklen Schatten geprägt war.

Geboren am 30. Januar 1935 in Paris, mit korsischen Wurzeln, hat Tiberi über ein halbes Jahrhundert lang die politische Bühne der französischen Hauptstadt mitgestaltet. Eine Ära, die vielen bis heute in Erinnerung geblieben ist – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Der Aufstieg eines Urgesteins

Alles beginnt 1965. Damals betritt der junge Jean Tiberi das Pariser Rathaus als Mitglied des Gemeinderats. Schon drei Jahre später wird er Abgeordneter – ein Mandat, das er unglaubliche 44 Jahre lang hält. Kaum jemand kennt sich mit den politischen Mechanismen des Landes so gut aus wie er.

Enge Verbindungen zum späteren Staatspräsidenten Jacques Chirac ebnen Tiberi schließlich den Weg ins Herz der Pariser Macht: 1983 wird er dessen erster Stellvertreter. Und 1995, als Chirac in den Élysée-Palast wechselt, übernimmt Tiberi das höchste Amt in der Stadt – den Bürgermeisterposten.

Ein Architekt der Stadtlandschaft

Unter seiner Ägide entsteht eine Reihe bis heute prägender Projekte. Die grüne Promenade „Coulée verte René-Dumont“, die Fußgängerbrücke Solférino (heute Léopold-Sédar-Senghor), der Park André-Citroën – alles Initiativen Tiberis. Auch der Park von Bercy trägt seine Handschrift.

Doch es war nicht nur Beton und Grün, das ihm wichtig war. Tiberi verstand früh, dass Städte auch atmen können müssen. Mit „Paris Respire“ brachte er eine Initiative zur Entlastung des Verkehrs an Wochenenden auf den Weg. Und er war einer der ersten, die sich für autofreie Seine-Ufer stark machten – heute ein Markenzeichen der Stadt.

Doch nicht alles war strahlend hell

So beeindruckend seine politische Bilanz auch war – sie bleibt nicht makellos. 2013 wird Tiberi wegen Wahlfälschung verurteilt. Zehn Monate auf Bewährung, 10.000 Euro Geldstrafe und drei Jahre politische Inaktivität. Der Vorwurf: Er soll in den 1990er Jahren falsche Wählerlisten für das 5. Arrondissement erstellt haben.

Auch seine Frau, Xavière Tiberi, wird im selben Zusammenhang verurteilt. Die Affäre wirft einen langen Schatten auf das politische Erbe des einstigen Patriarchen – und lässt viele fragen: Wie viel Macht ist zu viel?

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten

Kaum wird sein Tod bekannt, fluten politische Nachrufe die Presse. Anne Hidalgo, heutige Bürgermeisterin von Paris, erinnert an einen Mann, „der sein Leben der Hauptstadt und dem 5. Arrondissement gewidmet hat“. Florence Berthout, aktuelle Bezirksbürgermeisterin des 5. Arrondissements, spricht von „großer Traurigkeit“ – und würdigt sein langjähriges Engagement vor Ort.

Was bleibt, ist ein Bild von einem Mann, der – so widersprüchlich er auch war – nie die Verbindung zu den Menschen verlor. Tiberi war keiner, der nur aus dem Elfenbeinturm regierte. Er war da, im Quartier Latin, bei Festen, Debatten, Diskussionen.

Ein Mann mit Ecken, Kanten – und Überzeugung

Jean Tiberi war nicht perfekt. Aber er war leidenschaftlich. Engagiert. Dickköpfig. Und manchmal auch ein wenig eigensinnig. Genau das machte ihn aus. Die Pariser liebten – oder hassten – ihn dafür. Doch gleichgültig ließ er niemanden.

Wie viel Stadtpolitik steckt in einem Menschenleben? Bei Tiberi offenbar eine ganze Menge. Sein Ableben markiert mehr als nur das Ende eines Politikerlebens – es ist das Schlusskapitel einer Ära, in der Persönlichkeiten Politik machten, nicht nur Programme.

Die Stadt Paris wird ihm die letzte Ehre erweisen. Im Rathaus – wo alles begann – liegen Kondolenzbücher aus. Ein stiller Abschied für einen lauten, prägenden, umstrittenen und unvergesslichen Mann.

Von C. Hatty